Boris Johnson ließ sich mit "den Europäern" verbinden. Ganz oben auf der Telefonliste der britischen Premiers standen am Sonntag der französische Präsident Emmanuel Macron und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel.  In der Vorwoche hatte Johnson auch schon mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sowie Mark Rutte und Alexander de Croo, den Regierungschefs der Niederlande und Belgiens, Kontakt aufgenommen. Wenige Tage vor dem nächsten EU-Gipfel wächst spürbar die Nervosität in Downing Street Nr. 10.

Was kein Wunder ist. Denn in der zweiten Wochenhälfte könnte die EU ein Exportverbot für Impfstoffe beschließen, die Großbritannien zugedacht waren. Angedroht hat die EU-Kommission eine solche Aktion ja bereits. Und britische Experten haben ihrer Regierung vorgerechnet, dass ein entsprechender Exportstopp die Impfoperationen auf der Insel um zwei volle Monate zurückwerfen könnte - wiewohl er nur von sehr geringem Nutzen für die EU wäre.

Unruhe hat diese Aussicht in London auch ausgelöst, weil die Briten just erfahren haben, dass ihnen im April das Vakzin fehlen wird, das aus Indien erwartet wurde. Und nach dem jüngsten AstraZeneca-Chaos in Europa melden nun auch Impfstellen in Großbritannien erste Zweifel in der heimischen Bevölkerung, nicht nur an AstraZeneca, sondern am Impfen überhaupt.

Bemerkenswert zurückhaltend hat der britische Regierungschef bisher auf diese Lage reagiert. Im Kontrast dazu trieft die konservative Presse geradezu vor Feindseligkeit. Die "Times" warnte, die EU wolle "mit kriegsähnlichen Vollmachten ganze Produktionsstätten beschlagnahmen". Die "Daily Mail" meldete, die EU habe Großbritannien "den Impfkrieg erklärt".

Außenminister Dominic Raab warf der Union vorige Woche vor, sich aufs Niveau von Diktaturen zu begeben und geradezu "mit dem Feuer zu spielen". Verteidigungsminister Ben Wallace fügte am Montag hinzu, sollte die EU wirklich geltende Lieferverträge außer Kraft setzen, würde sie damit auf heillose Weise "den eigenen Ruf beschädigen" - und das "vor den Augen der Welt".

Infektionszahlen gesunken

Das empfanden auch viele Briten als kuriose Bemerkung, nachdem ihr Premier selbst stets wenig Bedenken gezeigt hatte, internationale Verträge zu brechen. Johnsons Ruf hatte außerdem im Vorjahr mächtig gelitten, als seine Nation die höchste Zahl an Todesopfern aufwies, nachdem die Covid-Krise über das Königreich hereingebrochen war.

Mittlerweile freilich hat sich das Bild gewandelt. Dank ihres Impftriumphs der letzten Monate finden sich die Briten in einer unerwartet starken Position. Eine Kombination aus kluger Vorausplanung, gezielten Investitionen und den Mobilisierungsmöglichkeiten des Nationalen Gesundheitswesens (NHS) hat die Lage entscheidend verbessert - ganz anders als in der EU, wo der Impfstart zum Fiasko geriet und gegenwärtig eine dritte Welle der Pandemie viele Leben bedroht.


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Auf der Insel hingegen ist inzwischen die Hälfte aller Erwachsenen mindestens mit einer Dosis geimpft worden. 844.285 Impfungen bewerkstelligte der NHS am vorigen Samstag allein. Die täglichen Infektionszahlen sind auf weniger als 6.000 gesunken und die Patientenzahlen rapide gesunken. Einen solchen Erfolg hatte nicht einmal Boris Johnson erwartet, dessen Popularität nun, just zum Jahrestag des verhängnisvoll verspätet verhängten ersten Lockdowns, steil nach oben zeigt.

Triumphale Töne, vor allem aus dem Brexit-Lager, kommen da nicht überraschend. Begleitet wurde der neue Impfrekord von Schlagzeilen wie: "So macht man das, EU!" oder: "Das wurmt Ursula ganz schön". Ungelöste Brexit-Probleme, alte Ressentiments und neu erweckte Überlegenheitsgefühle bilden den Hintergrund zu solchen Reaktionen. Brexit-Hardlinern, auch einzelne Ministern, kommt eine "Impfkriegs"-Stimmung überaus gelegen, um den Graben zum Kontinent weiter zu vertiefen.

Gedämpfte Töne

Nachdenklichere Politiker und Kommentatoren auf der Insel sehen freilich auch keinen Sinn darin, dass die EU nun zur Keule eines Exportstopps greifen sollte. Mit einer so drastischen Maßnahme, meinen sie, riskiere Europa nur den weiteren Eingang von Produktionsmaterialen, die in der EU für die Impfstoff-Fertigung benötigt werden, und gefährde darüber hinaus, mit einer EU-eigenen Form von "Impfnationalismus", den gesamten internationalen Fluss von Präparaten aller Art.

Andererseits weiß man auch in London, dass ein Einstieg in einen "Impfkrieg" für Großbritannien nichts lösen, sondern das Land nur auf gefährliches Terrain führen würde. Selbst Johnson, der in der Vergangenheit so viel dazu tat, Anti-EU-Gefühle zu schüren, bemüht sich in dieser neuen Situation um gedämpfte Töne: "Wenn eine Welle unsere Freunde trifft, dann wird diese Welle, fürchte ich, irgendwann auch an unsere Ufer schwappen." Erforderlich sei hier "internationale Kooperation".

In der Tat stellt sich beiden Seiten die Frage, ob nicht eine solidarische Geste und ein Ablassen von Drohungen die beste Chance für eine effiziente Bekämpfung des Virus böten. Die Wogen der Erregung schwappen schon hoch genug.

Eine Exportsperre "wäre jedenfalls nur kontraproduktiv", meinte Micheal Martin, Premier Irlands, des vom britisch-europäischen Verhältnis am stärksten betroffenen Landes. "Wenn wir das starten, dann handeln wir uns echten Ärger ein."