In Österreich wird es anders als in Deutschland zu keiner altersmäßigen Einschränkung vom Corona-Impfstoff AstraZeneca kommen, wenn es nach der Leiterin des Impfgremiums Ursula Wiedermann-Schmidt geht. In der "ZiB2" konzedierte sie Dienstagabend jedoch, dass die Impfung in Einzelfällen "sehr dramatische, aber sehr seltene Ereignisse" auslösen dürfte. Dennoch gelte es die Relation zwischen Nutzen und Risiko zu wahren.

Wiedermann-Schmidt wies darauf hin, dass ein bis zwei einschlägige Vorfälle pro 100.000 Impfungen vorkämen. Auf der anderen Seite gebe es bei der Gruppe der Unter-60-Jährigen vier bis sechs Corona-Todesfälle pro Woche.

Sie setzt daher darauf, dass Patienten und Ärzte über das Risiko informiert werden und man bei Eintreten der jeweiligen Symptome möglichst früh aktiv werden könne.

Laut dem österreichischen Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) kann bei den in Europa registrierten Fällen von Sinusvenenthrombosen ein kausaler Zusammenhang mit der Impfung derzeit nicht belegt, aber auch noch nicht sicher ausgeschlossen werden. Bei Frauen unter 55 Jahren bestehe laut der Behörde nach der Impfung gegen Covid-19 ein Signal für ein sehr geringes Risiko (geringer als 1:100.000) für eine seltene Form von Gerinnungsstörungen mit Blutgerinnsel, worauf vor der Impfung hingewiesen werden soll. Hierbei handle es sich um Blutgerinnsel in den großen Venen im Gehirn, eine sogenannte Sinusvenenthrombose, die vereinzelt auch mit einer Abnahme der Blutplättchen einherging. Dem BASG wurden bis zum 29. März zwei Fälle von Sinusvenenthrombosen in zeitlicher Nähe zu einer Impfung mit dem Impfstoff von AstraZeneca gemeldet, die letzte erst in den vergangenen drei Tagen. Bis dato gebe es laut BASG noch keine gesicherten Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Impfung.

Nebenwirkungen "sehr wahrscheinlich" auf Impfung zurückzuführen"

Wiedermann-Schmidt hält es für "sehr wahrscheinlich", dass die Nebenwirkungen auf die Impfung zurückzuführen sind. Blutplättchen würden geschädigt und dann zu einem Blutgerinnsel führen. Noch sei aber unklar, ob es diese Reaktion nur bei AstraZeneca geben könne.

In Deutschland vereinbarten die Gesundheitsminister der Länder am Dienstag - nach Meldungen über weitere Hirnvenenthrombosen -, dass die Impfung mit dem Präparat des Pharmakonzerns AstraZeneca nur noch für Menschen ab 60 Jahren uneingeschränkt eingesetzt werden soll. Für Personen der Risikogruppen eins und zwei unter 60 Jahre soll dies nur noch nach intensiver ärztlicher Beratung möglich sein. Die Ständige Impfkommission (Stiko) soll bis Ende April prüfen, ob für eine Zweitimpfung auch ein anderer Impfstoff eingesetzt werden kann. Personen können nach ärztlicher Beratung aber auch eine zweite Impfung mit AstraZeneca erhalten. Die Bundesländer sollen jetzt auch die 60- bis 69-Jährigen in die Impfkampagne mit AstraZeneca miteinbeziehen können.

"Ein großes Glück"

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel rechtfertigte die neuen Altersbeschränkungen mit Blick auf das Vertrauen in die Corona-Impfungen. "Vertrauen entsteht aus dem Wissen, dass jedem Verdacht, jedem Einzelfall nachgegangen wird", sagte Merkel am Dienstagabend in Berlin nach Beratungen mit den Ministerpräsidenten der deutschen Bundesländer. Auch nach einer entsprechenden Einschätzung der Ständigen Impfkommission seien die Meldungen über Auffälligkeiten sehr selten, aber nicht zu ignorieren. Dass verschiedene Impfstoffe zur Verfügung stünden, sei ein großes Glück, sagte Merkel.

"Die positive Botschaft ist: Der Impfstoff von AstraZeneca soll für die Menschen weiter verimpft werden, die das 60. Lebensjahr vollendet haben", sagte der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU). Die Studien zeigten weiterhin, dass dies ein hochwirksamer Impfstoff sei, der gegen schwere Krankheitsverläufe wirke. "Wir brauchen ihn, um angesichts der dritten Welle und gefährlicher Virusmutationen die Impfungen schnell voranzutreiben", sagte Holetschek.

Auslöser der Entscheidung der Gesundheitsminister waren weitere Fälle sogenannter Sinusvenenthrombosen. Das zuständige Paul-Ehrlich-Institut meldete bis Dienstagmittag 31 Fälle nach der AstraZeneca-Impfung, in neun Fällen davon mit tödlichem Ausgang. In 19 Fällen habe zusätzlich ein Mangel an Blutplättchen vorgelegen. Mit Ausnahme von zwei Fällen seien Frauen im Alter von 20 bis 63 Jahren betroffen gewesen. Bis Dienstagmorgen wurden in Deutschland 2,7 Millionen Dosen AstraZeneca verimpft.


Links
Daten der EMA und des Bundesamts für Sicherheit im
Gesundheitswesen (BASG) zu Hirnvenenthrombosen bei AstraZenca:


https://www.basg.gv.at/ueber-uns/covid-19-impfungen

https://www.ema.europa.eu/en/medicines/human/EPAR/vaxzevria-previously-covid-19-vaccine-astrazeneca#safety-updates-section
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Erst Mitte März war in Deutschland und etlichen anderen europäischen Ländern der Impfstoff wegen der Meldung seltener Thrombose-Fälle für mehrere Tage ausgesetzt worden, damit die europäische Arzneimittelbehörde EMA die Vorfälle untersuchen konnte. Zunächst hatte es dafür Kritik am Vorgehen von Spahn gegeben. Das Gesundheitsministerium hatte zum damaligen Zeitpunkt von acht Fällen in Deutschland nach 1,6 Millionen Impfungen berichtet, statistisch wären aber nur eins bis 1,4 Sinusvenenthrombose-Fälle zu erwarten gewesen. Die EMA plant in der kommenden Woche eine aktualisierte Empfehlung.

Das Robert-Koch-Institut veröffentlichte vor der Entscheidung der Gesundheitsminister eine Stellungnahme der Ständigen Impfkommission (Stiko), die eine Begrenzung der Impfungen auf die ab 60-Jährigen vorsieht. Der Erlanger Virologe Klaus Überla, der Stiko-Mitglied ist, rechtfertigte die Entscheidung des Gremiums. "Die Daten sprechen für einen kausalen Zusammenhang zwischen der Impfung von unter 55-jährigen Frauen mit AstraZeneca und dem Auftreten von Hirnvenenthrombosen bei diesen Frauen - auch wenn das seltene Ereignisse sind", sagt Überla dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

"Wer sichs traut, der soll auch die Möglichkeit haben"

Die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen, aber auch mehrere Städte hatten schon vor den Beratungen der Gesundheitsminister die Impfungen mit Astrazeneca für unter 60-Jährige ausgesetzt. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte sich zuvor erneut dafür ausgesprochen, den Impfstoff bei der Priorisierung freizugeben. Er habe "insgesamt kein gutes Gefühl" bei den Einschätzungen der Experten zu diesem Impfstoff. Das gehe "hin und her". Daher müsse man "irgendwann mit sehr viel Freiheit operieren" und sagen: "Wer will und wer sich's traut, der soll auch die Möglichkeit haben."

In Deutschland war der Impfstoff nach der EU-Zulassung Ende Jänner zunächst nur für Menschen unter 65 Jahren freigegeben, da zum damaligen Zeitpunkt nach Einschätzung der Stiko noch nicht genügend Daten zur Wirksamkeit bei älteren Menschen vorlagen. Erst Anfang März hatte die Kommission das Mittel auch für über 65-jährige empfohlen.

Kanada impft erst ab 55

Auch Kanadas Expertengremium für die Corona-Impfkampagne hat nun offiziell die Aussetzung des Vakzins bei Menschen im Alter unter 55 Jahren empfohlen. Das Komitee habe Sicherheitsbedenken und wolle Berichte über seltene Blutgerinnsel bei einigen immunisierten Patienten näher untersuchen.