In großer Sorge sieht man in Nordirland einem Sommer potenzieller Unruhen entgegen, nachdem schon die Ostertage in der Provinz von Krawallen überschattet vielerorts waren. Mehrere Nächte lang zogen Gruppen junger Protestanten in ihren Vierteln auf die Straßen, um dort Feuer zu entfachen und mit Steinen, Flaschen und Brandbomben gegen die Polizei vorzugehen. 32 Polizisten wurden bei diesen Zusammenstößen verletzt, einige davon erheblich. Zahlreiche Fahrzeuge gingen in Flammen auf. In loyalistischen Hochburgen wie der Stadt Portadown und dem Ort Markethill zogen vermummte Gestalten auf ungenehmigten Kundgebungen trommelnd, flötend und fahnenschwenkend durch die Straßen. In Derrys Waterside und in Newtownabbey und Carrickfergus, nahe Belfast, wurden Brandsätze und Backsteine geschleudert und Polizeibeamte attackiert.

Unter den Teilnehmern an den Krawallen befanden sich nach Polizeiangaben Kinder im Alter von zwölf und 13 Jahren. Die Attacken seien "eindeutig orchestriert" gewesen, klagte Davy Beck, einer der Einsatzleiter der Polizei. "Eine kleine Gruppe frustrierter krimineller Elemente" habe die jungen Leute offenkundig aufgehetzt.

"Das muss aufhören, bevor es Leben kosten wird"

Nordirlands unionistische Regierungschefin Arlene Foster appellierte an Kinder und Jugendliche, sich "nicht in diese Unruhen ziehen zu lassen". Die Justizministerin ihrer Regierung, Naomi Long, die der um Ausgleich bemühten kleinen Alliance Party angehört, warnte vor einer Eskalation der Gewalt im Blick auf die Sommer-Saison der traditionellen pro- und antibritischen Märsche in Nordirland: "Das muss aufhören, bevor es Leben kosten wird."

Unmittelbarer Anlass des Oster-Aufruhrs in den militantesten Protestantenvierteln war die umstrittene Entscheidung der Belfaster Staatsanwaltschaft von voriger Woche, keine Anklage gegen 24 prominente Republikaner zu erheben, die im Juni vergangenen Jahres eine spektakuläre Begräbnisfeier für einen Sinn-Fein-Veteranen organisiert und an ihr teilgenommen hatten. Insgesamt nahmen 2.000 Republikaner an dem Leichenzug teil, darunter Top-Sinn-Fein-Figuren wie Nordirlands Vize-Regierungschefin Michelle O’Neill - obwohl den Covid-Regeln zufolge höchstens 30 Personen hätten zugegen sein dürfen. Viele Loyalisten deuteten den nun verkündeten Verzicht auf Strafverfolgung als Zeichen dafür, dass auf "die andere Seite" immer mehr Rücksicht genommen werde. Die Polizei habe im vorigen Sommer gar keine Anstalten gemacht, den Republikaner-Aufmarsch zu stoppen, meinen sie.

Fragiler Friede in Nordirland. Im Bild eine Wandmalerei einer probritischen Gruppierung. - © afp / Paul Faith
Fragiler Friede in Nordirland. Im Bild eine Wandmalerei einer probritischen Gruppierung. - © afp / Paul Faith

Das Ressentiment geht allerdings tiefer. Der britische Austritt aus der EU hat beträchtliche Probleme für Nordiren geschaffen, die sich Großbritannien zugehörig fühlen - und die nun befürchten, dass sich post Brexit der Abstand zum Rest des Vereinigten Königreichs weitet. Immerhin willigte Tory-Premier Boris Johnson beim Brexit in den Verbleib Nordirlands im Zollgebiet der EU ein, was faktisch Grenzkontrollen zwischen Großbritannien und Nordirland erforderlich macht.

"Ewige Zugeständnisse" an die irisch-katholische Seite

Nachdem Johnson das Erfordernis solcher Kontrollen anfangs schlicht leugnete, beginnen sich nunmehr zahllose Probleme abzuzeichnen. Das "Nordirland-Protokoll", das die Kontrollen festschreibt und Teil des Brexit-Vertrages ist, steht im Zentrum dieses Streits. Sowohl Unionistenchefin Foster wie die Führer aller loyalistischer Verbände im Protestantenlager fordern nunmehr Londons einseitige Abkehr von diesem Protokoll. Das Protokoll freilich ist Voraussetzung für freien Verkehr im Bereich der gesamten "Grünen Insel" - wie es das Belfaster Abkommen aus dem Jahr 1998, der sogenannte Karfreitagsvertrag, vorsieht, das Nordirland fast ein Vierteljahrhundert Frieden beschert hat.

Von der Brexit-Regelung, die Johnson getroffen hat, fühle sich jetzt jedenfalls eine Großzahl von Loyalisten "verraten", erklärte der Nordirland-Spezialist Peter Shirlow gegenüber der Zeitung "Guardian". "Es gibt da viel echte Wut, ein wirkliches Gefühl von Frustration." Gerade die Jüngeren hätten kein Verständnis für das, was sie als "ewige Zugeständnisse" an die irisch-katholische Seite sähen: "Ständig bekommen sie zu hören, dass die andere Seite gewinnt."