Geopolitische Überlegungen? Im Gesundheitsbereich hält der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sie für unangebracht. Daher weist er in seinen Aussagen über die Beschaffung des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V solche Argumente stets zurück. Die Vertragsverhandlungen mit dem Hersteller seien übrigens "in den letzten Zügen", teilte er vor kurzem mit.

Bloß: Russland muss diese Polit-Ansicht nicht teilen. Auch wenn es die europäische Arzneimittelbehörde EMA immer wieder dafür angeprangert hat, aus politischen Gründen die Zulassung von Sputnik V in der EU hinauszuzögern, ist es selbst daran interessiert, seinen Einfluss über das Präparat zu vergrößern. Dieses kann nämlich - ebenso wie Erdgasexporte oder Investitionen im Ausland - nicht nur als Lockmittel dienen, sondern auch Drohpotenzial entfalten. Werden die Bedingungen Moskaus nicht erfüllt, kann der Gas-, Geld- oder eben Impfstoffhahn zugedreht werden.

Sputnik V ist schon längst zum Politikum geworden, über das auch bereits EU-Politiker gestolpert sind. In Tschechien wurde am Mittwoch der Gesundheitsminister ausgetauscht - der dritte seit Beginn der Corona-Pandemie. Jan Blatny musste sein Amt unter anderem wegen seiner Zurückhaltung gegenüber Sputnik niederlegen. Kritisiert wurde seine Einstellung sowohl von Premier Andrej Babis als auch Präsident Milos Zeman, die die Möglichkeit sahen, den Impfstoff mittels Ausnahmeregelung national zuzulassen. Blatny aber wollte auf die EMA warten, die das Präparat EU-weit billigen müsste. Er wird nun durch Petr Arenberger ersetzt, den bisherigen Leiter eines Prager Krankenhauses.

Nach seiner Ernennung beeilte sich Babis dennoch zu betonen, dass der Ministertausch nicht wegen Sputnik erfolgt sei. Tschechien will nun doch nicht der Entscheidung der EU-Behörde EMA vorgreifen.

Vorvertrag für Bayern

In der Slowakei wurden ebenfalls Teile der Regierung umgebildet; Premier Igor Matovic trat sogar von seinem Posten zurück und übernahm jenen des Finanzministers. Er hatte, entgegen Abmachungen mit seinen Koalitionspartnern, Sputnik bestellt, insgesamt zwei Millionen Dosen. 200.000 Einheiten wurden bereits geliefert.

Allerdings fehlt für den Einsatz die Genehmigung der zuständigen Behörde. Denn das slowakische staatliche Institut für Arzneimittelkontrolle SUKL habe nicht genügend Informationen, um über Nutzen und Risiko des russischen Impfstoffes urteilen zu können. Diese Stellungnahme sandte es an das Gesundheitsministerium in Bratislava. Laut SUKL würden konkrete Daten des Herstellers zur Produktion und Sicherheit fehlen. Von Inkonsistenzen war die Rede und der Unmöglichkeit, verschiedene Studien und in unterschiedlichen Staaten verwendete Chargen zu vergleichen.

In anderen europäischen Ländern hingegen wird bereits mit Sputnik geimpft. Das hat weder die Regierung in Ungarn in Schwierigkeiten gebracht noch jene in Serbien. Beide Staaten verweisen gern auf ihre freundschaftlichen Beziehungen zu Russland.

Gleichzeitig lassen Lieferprobleme anderer Hersteller immer mehr EU-Länder und -Regionen über die Beschaffung von Sputnik nachdenken - und mehr als das. So hat die italienische Region Kampanien eine Vereinbarung mit dem Hersteller geschlossen, und zuletzt hat ebenfalls Bayern angekündigt, einen Vorvertrag für den Bezug des russischen Wirkstoffs zu unterzeichnen.

Sollte Sputnik in der EU zugelassen werden, dann werde der Freistaat an die 2,5 Millionen Impfdosen im Juli erhalten, sagte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder. Ein Werk in Illertissen würde das Vakzin dann im Auftrag der Sputnik-Entwickler produzieren.

Wartet Österreich auf EMA?

Ob Österreich auf die Genehmigung der EMA warten werde, lässt Kurz offen. National ist sowohl für die fachliche Begutachtung als auch für die Zulassung von Arzneimitteln das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) zuständig. Doch ist unklar, ob die Behörde tätig wird, solange das Prüfverfahren bei der EMA läuft. Das BASG ist jedenfalls erst am Anfang des Prozesses - und alles andere als "in den letzten Zügen".(czar/apa/reu)