Belfast. Seit gut einer Woche liefern sich Randalierende im nordirischen Belfast Straßenschlachten mit der Polizei, mehr als 50 Einsatzkräfte wurden bereits verletzt. Zuletzt warfen Jugendliche im Westen der Stadt Steine, Feuerwerkskörper und Molotowcocktails auf Polizisten. Daraufhin setzte die Polizei Wasserwerfer ein.

"Die Situation ist im Moment sehr instabil und Spannungen erhöhen sich", so die Konfliktforscherin Katy Hayward von der Queen’s University Belfast gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Obwohl es vor allem junge Menschen sind, die sich kaum an die Zeit erinnern dürften, sind die Konfliktlinien noch immer die alten bei den Ausschreitungen in Belfast und Londonderry, das von Katholiken nur Derry genannt wird. Auf der einen Seite stehen die überwiegend protestantischen Unionisten, die um jeden Preis an der Zugehörigkeit Nordirlands zum Vereinigten Königreich festhalten wollen. Auf der anderen Seite stehen die vorwiegend katholischen Befürworter eines gesamtirischen Nationalstaats durch eine Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland im Süden, auch Nationalisten genannt.

Zunächst spielte sich die Gewalt nur in unionistisch geprägten Straßenzügen ab, Auslöser war der Ärger über die Entscheidung der Strafverfolgungsbehörden, hochrangige katholische Politiker nach der Teilnahme an der großen Beerdigung eines ehemaligen Mitglieds der Terrorbewegung IRA nicht wegen Verstößen gegen die Corona-Regeln zu belangen. Auch die Regelungen des Brexit-Abkommens, wonach Nordirland de facto im Handelsraum der EU verbleibt, wird immer wieder genannt. Die Unionisten fühlen sich dadurch vom Rest des Vereinigten Königreichs abgekoppelt.

Aus der Balance gebracht

Inzwischen ist die Empörung auch auf die katholisch geprägten Viertel übergesprungen. Vor allem die Polizei war das Ziel der Angriffe, aber teilweise wurden auch Geschoße direkt über die als Friedensmauern bezeichneten Zäune geworfen, die protestantische und katholische Bezirke voneinander trennen.

Die Spannungen sind allgegenwärtig, sowohl im politischen Tagesgeschäft als auch im Alltag. Schulen, Kindergärten, Pubs - man bleibt in Nordirland lieber unter sich. Auf beiden Seiten gibt es noch immer militante Gruppierungen, die das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen und nicht davor zurückschrecken, Menschen, die ihrer Ansicht nach gegen die Regeln verstoßen, beispielsweise mit Schüssen in die Kniekehle (Kneecapping) zu verstümmeln oder gar zu ermorden.

"Bei dem zerbrechlichen Friedensprozess in Nordirland geht es immer darum, beide Seiten vorsichtig auszubalancieren", sagt Katy Hayward, die seit Jahren dazu forscht. Was also hat diese Balance aus dem Gleichgewicht gebracht? "Ohne den Brexit wären wir nicht in dieser Situation", ist sich Hayward sicher. Von Beginn an spielte Nordirland bei den Brexit-Verhandlungen eine zentrale Rolle.

Durch den Austritt Großbritanniens ist die unsichtbare Grenze zwischen der britischen Provinz Nordirland und der Republik Irland zur EU-Außengrenze geworden. Dennoch galt unbedingt zu vermeiden, dass dort eine harte Grenze mit Barrieren und Kontrollposten entsteht. Diese - so viel war allen Beteiligten klar - hätte erst recht als Ziel von Angriffen katholisch-nationalistischer Seite gedient und die alten Konflikte befeuert.