Die Staatsanwaltschaft der lombardischen Stadt Bergamo hat Ermittlungen gegen Ranieri Guerra, einen der ranghöchsten Funktionäre der Weltgesundheitsorganisation (WHO), aufgenommen. Der Verdacht lautet auf Falschaussage. Wegen des Vorfalls geriet auch der italienische Gesundheitsminister Roberto Speranza unter Druck.

Guerra, ehemaliger stellvertretender Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation und Sonderberater des WHO-Generaldirektors Tedros Adhanom Ghebreyesus, soll einen kritischen Bericht über die Pandemiebekämpfung in seinem Heimatland sabotiert haben, lautet der Verdacht der Ermittler. Der Bericht über die Reaktion der italienischen Behörden auf die erste Coronawelle war am 13. Mai 2020 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) veröffentlicht worden, doch schon einen Tag danach verschwand er wieder von der WHO-Website.


Der offizielle Grund dafür sei, dass man nach der Publikation Fehler im Text entdeckt habe, hieß es in einer Medienmitteilung. Der Schritt wurde jedoch schnell als Zensur angesehen. Der Verdacht lautet, dass sich Guerra, einer von elf Assistant Director-Generals am Hauptsitz der WHO in Genf, für die Löschung des Berichts eingesetzt habe, nachdem er entdeckt hatte, dass die Autoren die Vorbereitung Italiens auf eine Pandemie als ungenügend bezeichnet hatten.

Pandemie-Plan aus dem Jahr 2006

Im 102-seitigen Bericht wurden schwere Mängel in Italiens veraltetem Pandemie-Vorsorgeplan hervorgehoben. Der Plan stammte aus dem Jahr 2006, sei zwar mehrmals bestätigt, aber nicht aktualisiert worden. Dennoch war Guerra von 2014 bis 2017 Direktor der Abteilung für Prävention im italienischen Gesundheitsministerium und direkt für die Vorbereitungsmaßnahmen auf eine zukünftige Pandemie verantwortlich. Der 67-jährige Guerra soll auch einen italienischen WHO-Forscher, einen der Autoren des Berichts, bedroht haben.

Wegen mutmaßlicher Versäumnisse im Umgang mit der Coronakrise haben inzwischen Hunderte Hinterbliebene in Bergamo Anzeige erstattet, fordern Aufklärung und Schadenersatz. Die Staatsanwaltschaft in Bergamo, der vom Virus am härtesten betroffenen Region, ermittelt seit Längerem und hat dazu auch bereits führende Politiker wie den damaligen italienischen Premierminister Giuseppe Conte vernommen.

 

Schwerer Imageschaden

Die Ermittlungen gegen Guerra sind ein schwerer Imageschlag für Gesundheitsminister Speranza. Aus Chats geht hervor, dass der Funktionär in engem Kontakt mit der italienischen Regierung stand. Der Linkspolitiker Speranza, den Premier Conte zu Beginn seiner zweiten Regierung im September 2019 als Gesundheitsminister eingesetzt hatte, wurde auch von Premier Mario Draghi nach dessen Antritt im Februar im Amt bestätigt.

Italienische Medien berichten, dass Gesundheitsminister Speranza wegen des Skandals um Guerra bald zum Rücktritt gezwungen werden könnte. Dies wäre ein schwerer Schlag für Premier Draghi, der noch vor wenigen Tagen dem 42-jährigen Minister sein Vertrauen bestätigt hatte. "Das Schicksal des Gesundheitsministers wird immer ungewisser", fasste die Tageszeitung "Domani" die Lage in Rom zusammen. (apa)