Kann es sich Russlands Präsident Wladimir Putin leisten, seinen prominentesten Kritiker Alexej Nawalny in Lagerhaft sterben zu lassen? Möglicherweise nicht, wie eine jüngste Entscheidung russischer Behörden nahelegt: Der in Haft erkrankte Oppositionspolitiker, der Putin mit seinen Aufdeckergeschichten - zumindest vor seiner Inhaftierung - mehr und mehr Probleme machte, wurde am Montag laut Behörden in ein Krankenhaus für Gefangene verlegt.

Anastassija Wassiljewa, Nawalnys persönliche Ärztin, versuchte in einem Posting auf dem Kurznachrichtendienst Twitter jedoch, den Eindruck zu zerstreuen, dass das Spital, in das Nawalny verlegt worden sei, ein normales Krankenhaus sei. Der Oppositionelle sei bloß in ein anderes Straflager gebracht worden, in dem auch an Tuberkulose erkrankte Häftlinge behandelt werden könnten. Das Spital dort sei kein "überhaupt kein" Krankenhaus, in dem die richtige Behandlung für seine Probleme gefunden werden könne. Wassiljewa forderte am Montag erneut, dass sie Nawalny im Straflager untersuchen dürfe.

"Alexej stirbt"

Nawalny war Ende März in einen Hungerstreik getreten, um gegen die Weigerung der Gefängnisbehörden zu protestieren, ihn wegen akuter Rücken- und Beinschmerzen angemessen zu behandeln. Die Behörden gaben bekannt, Nawalny eine solche Behandlung angeboten zu haben. Er habe sich dem aber verweigert und habe stattdessen darauf bestanden, von einem externen Arzt seiner Wahl behandelt zu werden. Das lehnte die Gefängnisleitung jedoch ab.

Mittlerweile soll der Gesundheitszustand des prominenten Putin-Kritikers besorgniserregend sein: Der Opposition nahestehende Ärzte, darunter Wassiljewa, äußerten zuletzt die Befürchtung, Nawalny drohe wegen kritischer Kaliumwerte ein Nierenversagen und schwere Herzrhythmusstörungen. Sie warnten vor einem drohenden Herzstillstand und forderten Zugang zu Nawalny für Ärzte seiner Wahl - eine Forderung, der sich in einem offenen Brief an Putin mehr als 70 Prominente in Europa anschlossen, etwa die Literaturnobelpreisträgerinnen Herta Müller und Louise Glück. Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch schrieb gar davon, dass "Alexej stirbt".

Die russischen Behörden zeichnen demgegenüber ein anderes Bild. Der Gesundheitszustand des Oppositionellen sei "zufriedenstellend", hieß es am Montag. Der 44-Jährige werde täglich von einem Allgemeinmediziner untersucht. "Mit Zustimmung des Patienten wurde ihm eine Vitamintherapie verschrieben", hieß es in der Mitteilung. Das Krankenhaus in der Region Wladimir östlich von Moskau sei auf "die laufende Beobachtung" solcher Patienten spezialisiert. Nawalny selbst sprach davon, dass die Gefängnisbehörden gedroht hätten, ihn in eine Zwangsjacke zu stecken und zwangsweise zu ernähren, falls er weiter keine Nahrung annehme. Russlands Botschafter in Großbritannien Andrej Kelin sagte dem Sender BBC, Nawalny gehe es nur darum, Aufmerksamkeit zu bekommen. Moskau werde dafür sorgen, dass er lebt. "Ihm wird nicht erlaubt werden, im Gefängnis zu sterben", sagte Kelin.

Tatsächlich könnte ein Tod Nawalnys in Haft für den Kreml Konsequenzen haben. Es ist gut möglich, dass dann die umstrittene Erdgaspipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland nicht mehr zu halten wäre. Deutschlands Außenminister Heiko Maas appellierte an Moskau, Nawalny eine adäquate medizinische Behandlung zukommen zu lassen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich besorgt, die USA drohten mit Konsequenzen, falls Nawalny stirbt. In einer nächsten Sanktionsrunde könnten dem Kreml dann schmerzhafte Wirtschaftssanktionen drohen. Die wären dann freilich auch schmerzhaft für die Sanktionierer - weshalb solche Maßnahmen bisher weitgehend unterblieben.

Angst vor Protesten

Könnte sich Putin einen Tod Nawalnys in Lagerhaft also leisten? Die Frage hat auch innenpolitische Relevanz, weil es dem 44-Jährigen gelungen ist, zu einer Symbolfigur der Opposition zu werden. Ein Tod Nawalnys in Haft würde die mittlerweile zahlreichen Putin-Gegner in Russland, auch jene in der Provinz wie etwa jüngst im sibirischen Chabarowsk, zu zornigen Protesten auf die Straße treiben. Ein weißrussisches Szenario will der Kreml gerade im Vorfeld der wichtigen Parlamentswahlen im Herbst aber unbedingt vermeiden - zu wichtig sind Putin Stabilität, Kontrolle und Machterhalt. Ein freier Nawalny wäre da eine Gefahr - ein toter freilich auch.(leg/apa)