Am Ende gab es zwar den demonstrativen Schulterschluss, doch wie sehr die Grabenkämpfe um die Kanzlerkandidatur die Unionsparteien in Deutschland beschädigt haben, lässt sich nun auch schon in den Umfragen ablesen. Wie aus dem RTL/ntv-Trendbarometer auf Grundlage von Daten des Meinungsforschungsinstituts Forsa hervorgeht, legten die Grünen um fünf Prozentpunkte auf 28 Prozent zu. Die Union verlor laut der vom 13. bis zum 20. April durchgeführten Erhebung dagegen sieben Punkte und kommt nun auf 21 Prozent. Bei der Kanzlerfrage  liegt die Grüne Annalena Baerbock mit einem Wert von 32 Prozent noch deutlicher voran. CDU-Chef Armin Laschet und  SPD-Kandidat Olaf Scholz rangieren beide bei nur 15 Prozent.

Die kommenden Wochen und Monate dürften für den frischegebackenen Unions-Kanzlerkandidaten Laschet damit alles andere als einfach werden. Denn Laschet muss nun nicht nur gegen den Makel der schlechten Umfragen ankämpfen, er muss auch die Anhänger von Markus Söder überzeugen, für ihn genauso zu laufen wie sie es für den im Kanzler-Rennen  gescheiterten CSU-Chef wohl getan hätten. Am Dienstagmittag war es noch der Konkurrent gewesen, der den Gewinner des Unions-Machtkampfs verkündete. "Die Würfel sind gefallen. Armin Laschet wird Kanzlerkandidat der Union", erklärte Söder. Sein Rückzug beendete eine heftige Kontroverse in der Union, in der sich auch etliche CDU-Politiker gegen Laschet und für den CSU-Chef ausgesprochen hatten. Der CDU-Bundesvorstand hatte in der Nacht zum Dienstag dann aber nach mehr als sechsstündiger Diskussion mit 77,5 Prozent für Laschet als Spitzenkandidat der Union für die Bundestagswahl im September gestimmt. 31 Mitglieder votierten für den Parteichef, neun CDU-Politiker waren für Söder, sechs enthielten sich.

Als großen Verlierer muss sich Söder nicht ansehen: In Bayern kann er seine Arbeit als Ministerpräsident und CSU-Chef fortsetzen. - © Reuters / Peter Kneffel
Als großen Verlierer muss sich Söder nicht ansehen: In Bayern kann er seine Arbeit als Ministerpräsident und CSU-Chef fortsetzen. - © Reuters / Peter Kneffel

Bayerns Ministerpräsident hatte zuvor angekündigt, dass er das Votum akzeptieren werde. CSU-Generalsekretär Markus Blume bezeichnete seinen Parteichef aber als "Kandidaten der Herzen".



Neben Glückwünschen für Laschet – unter anderem von Merkel, aber auch von der erst am Montag zur Kanzlerkandidatin bestimmten Grünen-Chefin Annalena Baerbock – gab es auch prompt Kritik an dessen Kür. So sprach CDU-Bundestagsabgeordneter Fritz Güntzler gegenüber der "Bild"-Zeitung von "chaotischen Zuständen" im Bundesvorstand. Die Ausgangsvoraussetzungen für den Wahlkampf wären mit Söder "viel besser gewesen". Der CSU-Chef hatte als Argument für seine Kandidatur zuvor seine besseren Umfragewerte genannt.

Ruf nach Schulterschluss

In die Kampagne soll Söder jedenfalls eng eingebunden werden, zumindest wenn es nach Laschet geht. Der Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens dankte seinem Mitbewerber für eine faire Auseinandersetzung und unterstrich, dass der CSU-Chef eine "zentrale Rolle" im Wahlkampf spielen werde. Er forderte einen engen Schulterschluss der Schwesterparteien: "Die CDU gewinnt nicht ohne die CSU und umgekehrt."

Laschet nutzte bei seinem Auftritt aber auch gleich die Gelegenheit, um seine Schwerpunkte im Unionswahlkampf zu skizzieren. Zunächst gehe es um die Bewältigung der Corona-Krise. Als größte Herausforderungen nannte der Kanzlerkandidat dann die Bewältigung der wirtschaftlich und finanziell schwierigen Zeit nach der Pandemie und kündigte zudem ein "Aufstiegsversprechen" für Kinder ungeachtet der sozialen Herkunft an. Zudem betonte er erneut die Notwendigkeit der europäischen und internationalen Einbindung Deutschlands.

Doch auch Söder strich die Notwendigkeit zum Zusammenstehen hervor. Er werde Laschet ohne Groll und mit voller Kraft unterstützen, kündigte er an.

In Bayern ohne Konkurrenz

Als großen Verlierer des Duells muss er sich dabei wohl nicht sehen – ebenso wenig hat er einen Putsch in Bayern zu befürchten. Dies liegt zum einen an seiner unangefochtenen Machtposition, die Söder als Ministerpräsident gerade in der Corona-Krise ausbauen konnte. Zum anderen drängen sich aber auch keine Konkurrenten ins Bild. "Söders Glück ist, dass es keinen zweiten Söder gibt", sagte ein CSU-Vorstand vor wenigen Tagen. Bei den Christsozialen scheint es unumstritten zu sein, dass Söder nach der Entscheidung für Laschet vordergründig ohne Machtverlust seine Arbeit als Ministerpräsident und Parteichef fortsetzen kann.

In Bayern gibt es sogar Stimmen, wonach der CSU-Vorsitzende von den Wählern besonders wohlwollend wieder aufgenommen wird, denn schon lange sprechen sich in Umfragen die Bürger im Freistaat mehrheitlich gegen einen Gang Söders nach Berlin aus. Dennoch wird wohl das Image als Erfolgspolitiker neu justiert werden müssen.