Seit vergangenem Wochenende sind die Schanigärten in Ungarn wieder offen. "Auf diesen Moment haben wir seit sechs Monaten gewartet", sagt Bernadett, die am Samstag die Sonne in einem Gastgarten entlang der Donau genossen hat. "Das ist fantastisch."

Für die einen - jene in den Gastgärten - ist es die beste Entscheidung seit langem. Für die anderen pure Unvernunft. Denn die Öffnungsschritte in Ungarn werden durchgezogen, obwohl die Zahlen weiterhin erschreckend hoch sind. Vor allem, wenn es um die Todesopfer geht.

Im knapp 9 Millionen Einwohner zählenden Österreich sind laut Daten vom Dienstag in den vergangenen 24 Stunden 28 Menschen an oder mit Covid gestorben, der Sieben-Tages-Schnitt liegt bei 23,9. Im knapp 10-Millionen-Einwohner-Land Ungarn sind in den vergangenen 24 Stunden 176 Menschen an oder mit Covid gestorben.

Und obwohl die Impfrate zunimmt, wurden in Ungarn zuletzt knapp 2.000 tägliche Neuinfektionen gemessen (in Österreich waren es rund 1.600). Die dritte Welle, die das Land im März mit voller Wucht erfasst hat, ist also noch nicht vorbei.

Über 26.800 Menschen werden in Ungarn als Todesopfer, die an den Folgen einer Covid-Erkrankungen gestorben sind, angeführt. In Österreich sind es mit 10.126 Toten in Zusammenhang mit Covid weniger als die Hälfte.

Rechtfertigung Impfung

Dass in Ungarn die Ansteckung weiter so hoch scheint, verwundert angesichts der Impfzahlen. Laut Daten der Johns Hopkins Universität wurden bereits über 5 Millionen Injektionen in Ungarn verabreicht, über 1,7 Millionen Menschen haben bereits die volle Impfdosis erhalten. Das bedeutet, dass 17,52 Prozent der ungarischen Bevölkerung bereits über den kompletten Impfschutz verfügt - in Österreich sind erst 8,8 Prozent der Bevölkerung bereits vollimmunisiert.

Mit der vergleichsweise hohen Durchimpfungsrate rechtfertigte die ungarische Regierung auch die Öffnungsschritte. Doch Experten wiesen darauf hin, dass vor allem ältere Menschen und Risikopatienten eine Spritze bekommen hätten. Das ist oft nicht die Klientel, die nun in den Gastgärten sitzt. In der kommenden Woche sollen auch die Innenräume der Lokale wieder geöffnet werden.

Der ungarische Toxikologe Gabor Zacher findet das Öffnen der Gastgärten allein schon problematisch. "Auf einmal blinkten drei grüne Lichter, so wie in der Formel 1", vergleicht er gegenüber dem Nachrichtenportal "Szeretlek Magyarország" die Öffnung: Und Massen an jungen Menschen, gerade die Bevölkerungsgruppe, die kaum geimpft worden ist, stürmten die Gastgärten. Zacher geht davon aus, dass sich die Öffnungsschritte in ein bis zwei Wochen in einer Zunahme bei Spitalsaufenthalten bemerkbar machen werden. Der Mediziner warnte zudem, dass die Menschen selbst bei der Verabreichung eines vollen Impfschutzes nicht vollständig geschützt sind - sie können sich noch immer anstecken und das Virus weiter übertragen. Nur der Krankheitsverlauf werde abgeschwächt.

Impfstoffe von außerhalb

Im EU-Land Ungarn werden über Notzulassungen auch Impfstoffe verwendet, die von der Europäischen Arzneimittelbehörde noch nicht zugelassen sind.

Im März hat Ungarn neben dem chinesischen Impfstoff Sinopharm noch ein weiteres Vakzin aus China (Convidecia) genehmigt, sowie den indischen Impfstoff CoviShield. Zudem wird in Ungarn der russische Impfstoff Sputnik verimpft. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat sich mit Sinopharm immunisieren lassen.(red.)