Zum 100-jährigen Bestehen Nordirlands hat Königin Elizabeth II. die Anstrengungen vieler Menschen für den Friedensprozess in der Region gewürdigt. "Es ist klar, dass Versöhnung, Gleichheit und gegenseitiges Verständnis nicht selbstverständlich sind und weitere nachhaltige Standhaftigkeit und Engagement erfordern", schrieb die Queen in einer am Montag veröffentlichten Botschaft.

Der Friedensprozess in der Region sei der Verdienst einer Generation von Politikern und Menschen, die den Mut und die Vision gehabt hätten, Versöhnung über Spaltung zu stellen.


Johnson: Moment gemeinsamer Reflexion

Auch Premierminister Boris Johnson würdigte den Jahrestag: "Es ist wichtig, dass wir innehalten, um über die komplexe Geschichte der vergangenen 100 Jahre nachzudenken", schrieb Johnson auf Twitter. Menschen in Nordirland, Irland, dem Vereinigten Königreich und in aller Welt nähmen den Jahrestag sehr unterschiedlich wahr. "Während dies ein Moment der gemeinsamen Reflexion ist, ist es aber auch eine wichtige Gelegenheit, um Nordirland gemeinsam zu feiern und für all seine Menschen eine bessere und hellere Zukunft zu schaffen."

Während das Jubiläum für das unionistische Lager in Nordirland ein wichtiges Ereignis ist, sieht das republikanisch-nationalistische Lager keinen Grund zum Feiern: Deren mehrheitlich katholische Anhänger wünschen sich eine möglichst schnelle Wiedervereinigung mit der Republik Irland und lehnen die Union mit Großbritannien ab.

Politologe: Nordirland in zehn Jahren Teil Irlands

Schon in zehn Jahren könnte die derzeitige britische Provinz zur Republik Irland gehören, sagt der Politik-Professor Cathal McCall von der Queen's University Belfast voraus. "Die Dinge bewegen sich sehr schnell."

Auch die ganze Brexit-Causa habe ja erst vor vier oder fünf Jahren begonnen, und das habe "wirkliche Turbulenzen" zur Folge gehabt, "eine Verfassungskrise im Vereinigten Königreich" und auch Auswirkungen auf Irland und die irische Regierung, gibt der Experte für Grenzfragen zu bedenken. In der Politik seien Entwicklungen manchmal sehr schnell, und dann bewegten sich die Dinge über lange Strecken hinweg wieder sehr langsam. "Ich glaube, wir müssen uns auf ein paar heftige, schnelle Phasen einstellen, in denen die Dinge turbulent sind."

Natürlich sei es schwierig, "einen Zeitrahmen dafür anzugeben, aber ich wäre nicht überrascht, wenn es in zehn Jahren irgendeine Form von vereinigtem Irland geben würde", so McCall. "Das heißt nicht, dass Nordirland nicht mehr existieren würde - es könnte immer noch existieren, aber in einem gesamtirischen Rahmen, als regionale Einheit, als Regionalregierung, ziemlich so, wie es jetzt im Vereinigten Königreich existiert."

Demografie im Wandel

Auch in Sachen Demografie ist Nordirland im Wandel begriffen. Laut den derzeit aktuellsten Zahlen seien 48 Prozent der Bevölkerung Protestanten und 45 Prozent Katholiken. Doch eine neue Volkszählung habe bereits stattgefunden, "und wir erwarten, dass sie uns eine katholische Mehrheit zeigt, wenn die Ergebnisse später in diesem Jahr veröffentlicht werden".

Als Hauptfolge des britischen EU-Austritts in der Provinz nennt McCall "die Schaffung der sogenannten Seegrenze zwischen Nordirland und Großbritannien", die dazu führe, dass sich Unionisten "von Großbritannien abgeschnitten" fühlten. Sie hätten das Gefühl, "verloren zu haben", weil die Regelung gewissermaßen als Preis dafür gesehen wird, dass die irisch-nordirische Grenze auch nach dem Brexit weiterhin offenbleiben kann. (apa, dpa)