Volle Außenbereiche vor den Pubs und geschäftiges Treiben in den wieder geöffneten Geschäften - wer derzeit nach London blickt, bekommt den Eindruck, die Stadt habe das Schlimmste bereits überstanden. Doch dieses Bild ist trügerisch. Für die Neun-Millionen-Metropole an der Themse, die am 6. Mai einen neuen Bürgermeister wählt, sind die Konsequenzen von Corona und Brexit womöglich noch gar nicht ganz sichtbar.

"Wenn wir nicht aufpassen, wird London einem perfekten Sturm aus Brexit und dieser fürchterlichen Covid-Pandemie ausgesetzt sein", warnt Bürgermeister Sadiq Khan von der Labour Party, der sich um eine Wiederwahl bemüht, im Gespräch mit der Presseagentur dpa. Die Chancen, dass der erste muslimische Bürgermeister Londons eine weitere Amtszeit erhält, stehen gut. Der 50-Jährige führt in den Umfragen meilenweit vor seinem Herausforderer Shaun Bailey von den Konservativen.

"Bub aus der Sozialsiedlung"

Khan kommt bei den Londonern hervorragend an - und er hat ambitionierte Ziele. So will er die Innenstadt autofrei machen und die Fahrradwege massiv ausbauen. Seit Khans Amtsantritt 2016 hat sich die Zahl der Radwege bereits verdreifacht. Auch die offen zur Schau getragene Feindschaft Khans zu Ex-US-Präsident Donald Trump hat dem Briten pakistanischer Herkunft genützt.

Die Rolle des politischen Außenseiters steht dem Ex-Menschenrechtsanwalt und langjährigen Abgeordneten gut: "Ich werde der Bub aus der Sozialsiedlung sein, der die Wohnungsnot behebt, der Sohn des Busfahrers, der den öffentlichen Verkehr verbilligt, und der britische Moslem, der die Extremisten bekämpft", so Kahns Ansage vor fünf Jahren, als er zum Stadtoberhaupt gewählt wurde. Das konnte der schmutzige Wahlkampf seines damaligen Widersachers Zac Goldsmith nicht verhindern.

Leicht hatte es Khan schon bisher nicht - jetzt trifft die Krise London hart. Geschäfte, Hotels und Restaurants haben 2020 Schätzungen zufolge rund 13 Milliarden Pfund (14,97 Milliarden Euro) eingebüßt. So viel hatten Touristen und Pendler im Jahr zuvor noch ausgegeben. Besonders betroffen ist die Unterhaltungsbranche im West End.

Die Hoffnung ruht nun darauf, dass angesichts niedriger Infektionszahlen und des schnellen Impftempos wie geplant am 21.Juni alle Restriktionen fallen können. Zu den Pandemiefolgen kommt, dass die wichtige Finanzbranche durch den Brexit zwar nicht den befürchteten großen Exodus erlebte, aber doch einen spürbaren Abfluss von Unternehmen hinnehmen musste. Einer neuen Studie der Denkfabrik New Financial zufolge verlegten 400 Unternehmen Aktivitäten und Kapital in die EU - und es dürften nicht die letzten gewesen sein.

Ein Drittel lebt in Armut

Khans Konzept gegen die Krise: "Jobs, Jobs, Jobs". Doch das wird nicht einfach sein. Keine andere Region des Vereinigten Königreichs verlor so viele Arbeitsplätze. Nirgendwo sonst wurden so viele Menschen mit dem Furlough-System - vergleichbar mit unserer Kurzarbeit - freigestellt. Viele werden wohl nicht mehr an ihre alten Arbeitsplätze zurückkehren, wenn die Unterstützung eingestellt wird. Und das in einer Stadt, in der die durchschnittliche Kaltmiete für eine Wohnung 2.200 Euro im Monat kostet - ein Missstand, den Kahn in seiner bisherigen Amtszeit nicht beheben konnte.

Beinahe ein Drittel der Londoner lebt Schätzungen zufolge in relativer Armut. Die Straßenzüge in Innenstadtbezirken wie Kensington, Chelsea oder Westminster, die oft als Filmkulisse herhalten, sind nur ein kleiner Teil dieses 1.500 Quadratkilometer großen Häusermeers aus Backstein und Beton. Den Fassaden der Wolkenkratzer in der City oder dem alten Hafenbereich Canary Wharf stehen Beton-Wohntürme gegenüber, die quer über das Stadtgebiet verteilt sind. Die Menschen dort leben günstiger, weil es sich oft um Sozialwohnungen handelt, aber auch in beklemmender Enge.

Auch das gigantische Nahverkehrsnetz ist unter Druck - das Verkehrsunternehmen TfL ist zu einem großen Teil von Ticketverkäufen abhängig. Diese brachen in der Pandemie allerdings um 90 Prozent ein.

Khans Widersacher Bailey verspricht, mehr Polizei auf die Straße zu bringen. Der Amtsinhaber setzt hingegen auf eine Mischung aus spezialisierten Einsatzkräften, Bildungs- und Sportangeboten für junge Menschen sowie einem Mentorenprogramm.

Polizeieinsatz "inakzeptabel"

Wobei die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgermeister angespannt sind. Am 13. März hatten Demonstranten bei einem Musikpavillon in dem Park Clapham Common im Süden der britischen Hauptstadt eine Mahnwache für die auf ihrem Nachhauseweg entführte und getötete Sarah Everard abgehalten. Im Verdacht steht ein 48 Jahre alter Polizist, der inzwischen in Untersuchungshaft sitzt.

Wegen Nichteinhaltung der Corona-Regeln kam es zu einem Polizeieinsatz, im Internet war zu sehen, wie Beamte mehrere Frauen gewaltsam von dem Musikpavillon wegzerrten. Scotland Yard rechtfertigte das Vorgehen - Khan nannte es "inakzeptabel". Die Aktion sei "weder angemessen noch verhältnismäßig" gewesen. Londons Polizei beklagte daraufhin einen "Mangel an Respekt" gegenüber der Exekutive.

Weiterhin großes Wahlkampf-Thema ist Londons notorisch schlechte Luft. Der Tod eines neun Jahre alten Mädchens nach einem Asthma-Anfall wurde unter anderem auf Luftverschmutzung an ihrem Wohnort zurückgeführt.

Doch London wäre nicht London, wenn es nicht seinen Humor behielte. Bei der Wahl tritt auch ein gewisser Count Binface an. "Graf Mülltonnengesicht", hinter dem sich ein Komiker verbirgt, fordert beispielsweise, dass ein Handtrockner auf der Herrentoilette eines Pubs im Vorort Uxbridge installiert wird.(dpa/red)