Lange wurde während der Brexit-Verhandlungen um die künftigen Fischereirechte gestritten. Zu einer gütlichen Einigung ist es offenbar nur vordergründig gekommen.

Denn mittlerweile spielen sich vor der französischen Küste Szenen ab, die an eine kleine Seeschlacht erinnern. Während Großbritannien von Kommunal- und Regionalwahlen in Atem gehalten wurde, ordnete Premier Boris Johnson die Entsendung von zwei Kriegsschiffen in das Gebiet vor der Insel Jersey an. Dort befanden sich rund 50 französische Fischerboote, die den Hafen zu blockieren drohten, dann aber doch wieder abzogen. Frankreich hatte zuvor zwei Patrouillenschiffe der Marine entsandt.

Schon wenige Wochen nach dem faktischen Brexit sind die zwei ehemaligen EU-Freunde auf Kollisionskurs. Auch wenn die britischen Kanonenboote "HMS Severn" und "HMS Tamar" nur die "Lage überwachen" sollten, wie die Regierung in London betont. Das, was jetzt im Ärmelkanal passierte, macht einen bedrohlichen Eindruck.

Man lasse sich nicht "einschüchtern", wettert in Paris Europaminister Clement Beaune und Frankreichs Meeresministerin Annick Giarardin drohte mit "Vergeltungsmaßnahmen". In Frankreich dachte man daran, der britischen Insel Jersey den Strom abzudrehen. Und: Bei der Entsendung der französischen Patrouillenboote handelte es sich nach Pariser Angaben um eine "Vorsichtsmaßnahme", um notfalls "Menschenleben zu retten".

Das ist nicht aus der Luft gegriffen, immerhin kam es schon 2018 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen französischen und britischen Fischern, die sich Regelverstöße bei der Jagd auf Jakobsmuscheln vorwarfen. Es flogen Flaschen, französische Boote umringten britische, die Manöver waren halsbrecherisch. Gut möglich, dass da ein Mann über Bord geht.

Britischer Regelverstoß?

Auch jetzt geht es bei Kabeljau, Seeteufel, Steinbutt und Hummer darum, dass London nach Ansicht Frankreichs die Fischerei in seinen Gewässern unzulässig einschränkt. Demnach will London nur noch 40 französischen Schiffen erlauben, vor Jersey ihre Netze auszuwerfen. Beantragt waren mehr als 340 Boote.

Das neue Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien ist seit dem 1. Mai in Kraft - schon gibt es Ärger. Die Kommission in Brüssel wirft London vor, die Vereinbarungen nicht einzuhalten. So habe die britische Regierung Fischern aus der EU Lizenzen zum Fang in britischen Gewässern nur unter Auflagen erteilt. London argumentiert, dass es um den Schutz von Beständen gehe. Das sei prinzipiell in Ordnung, heißt es in Brüssel, dürfe aber nicht so kurzfristig angekündigt werden.

Der Brexit-Vertrag sieht eine Übergangsphase von fünfeinhalb Jahren vor, in der EU-Fischer in britischen Gewässern 25 Prozent weniger fischen dürfen als vor dem britischen EU-Austritt. Damit sei sichergestellt, dass der Fisch vor der Küste wieder britischer Fisch sei, verkündete die Regierung in London stolz. Unter den englischen, vor allem aber den schottischen professionellen Petrijüngern macht sich allerdings Frust breit. Seit Großbritannien wieder ein "selbständiger Küstenstaat" ist, laufen die Geschäfte eher schlecht.

Die britischen Fischereiunternehmer exportieren ihre Ware zu einem beträchtlichen Teil in die EU, doch hier hakt es jetzt: Großbritannien ist ohne Mitgliedschaft in Binnenmarkt und Zollunion ein Drittstaat, Zölle und Gesundheitszertifikate erschweren den Handel mit Waren, die frisch sein müssen. Die Just-in-time-Lieferketten vor allem der schottischen Fischhändler sind damit völlig durcheinandergeraten. Für die britische wie für die französische Wirtschaft sollte das trotzdem kein sehr großes Problem sein. So macht dieser Industriezweig lediglich 0,04 Prozent der britischen Wirtschaftsleistung aus.

Nationale Prestigefrage

Dennoch spielt alles, was mit Seefahrt zu tun hat, eine wichtige Rolle im britischen Nationalstolz. Nicht umsonst wird Lord Nelson immer noch verehrt, der den Franzosen seinerzeit bei Trafalgar eine vernichtende Niederlage beibrachte. Die Seefahrt war es, die England in vergangenen Zeiten Weltgeltung verschafft hatte - und Weltgeltung soll ein "unabhängiges" und selbstbewusstes Großbritannien jetzt wiedererlangen, so die Rhetorik der Brexiteers. Die Hoheit über die eigenen Gewässer ist hier Symbol für die mit dem Brexit wiedergewonnene Souveränität. Johnson, der mit schottischen Sezessionsbestrebungen und Skandalen konfrontiert ist, spielt jetzt die nationale Karte, um seine Popularität zu erhalten. "Boris schickt Kanonenboote, um Jersey zu verteidigen", jubelt der "Daily Express".

Auch in Frankreich hat die Fischerei große symbolische Bedeutung. Immerhin hat Präsident Emmanuel Macron bei den Brexit-Verhandlungen geschworen, dass er "seine Fischer" niemals "opfern" werde. Wer die Fischer im Regen stehen lässt, vor allem in strukturschwachen Regionen, wird auch in Frankreich schnell zum "Verräter" abgestempelt. Und auch Macron will im Frühjahr 2022 wiedergewählt werden.