Nach knapp vier Monaten Pause war es fast schon ein unwirkliches Bild an den großen portugiesischen Flughäfen: Nicht weniger als 22 Maschinen aus Großbritannien waren an diesem Montag gelandet, vollgepackt mit sonnenhungrigen Urlaubern aus London, Leeds oder Manchester, die sich nun ein paar unbeschwerte Tage oder auch Wochen an den Stränden der Algarve gönnen wollen. "Es fühlt sich unglaublich an", sagt die 27-jährige Kim aus Manchester. "Wie waren an Bord eines der ersten Flugzeuge, die aus Großbritannien gekommen sind, und jetzt ist jeder hier nur glücklich."

Dass die Briten nach monatelangen Lockdowns nun ohne Quarantäneauflagen wieder in Länder reisen dürfen, die so wie Portugal auf der grünen Liste stehen, ist Teil der zweiten großen Corona-Lockerungsetappe. Nachdem Mitte April die Gastgärten und die Geschäfte wieder geöffnet worden waren, sind am Montag auch die Kontakt- und Abstandsregeln in weiten Teilen Großbritanniens aufgeweicht worden. In England etwa dürfen sich damit bis zu sechs Menschen oder zwei Haushalte in geschlossenen Räumen treffen, ohne Abstand halten zu müssen. Im Freien sind Treffen mit bis zu 30 Personen möglich und auch Umarmungen und Küsse zwischen Freunden und Verwandten sind nun wieder erlaubt. Auch Museen, Zoos, Kinos, Theater und Sportstätten können öffnen ebenso wie Hotels und die Innengastronomie. Pubs und Restaurants dürfen aber nur am Tisch bedienen.

Johnson mahnt zur Vorsicht

Premierminister Boris Johnson rief die Bevölkerung dennoch zu einer "hohen Dosis Vorsicht" auf. Jeder müsse seinen Teil dazu beitragen, dass der Erfolg des jüngsten Lockdowns sowie des Impfprogramms nicht gefährdet werde, sagte der Regierungschef, der bereits im Februar versprochen hatte, bis zum 21. Juni alle Corona-Restriktionen aufzuheben.

Trotz einer Sieben-Tage-Inzidenz von nur rund 24 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner wackelt dieser Plan derzeit wieder. So sorgen vor allem lokale Ausbrüche der indischen Virusvariante B.1.617.2, die auf dem asiatischen Subkontinent womöglich für eine drastische Welle an Infektionen und Todesfällen mitverantwortlich ist, für Unruhe bei britischen Wissenschaftern. Das renommierte Expertengremium SAGE, das die Regierung berät, fürchtet, dass die indische Variante um bis zu 50 Prozent ansteckender sein könnte als die bisher in Großbritannien vorherrschende sogenannte britische Mutante B.1.1.7. Bisher wurden rund 1.300 Fälle in Großbritannien registriert - doch die Zahl hatte sich innerhalb einer Woche beinahe verdreifacht. Experten gehen davon aus, dass sich die Variante in dem Land schon bald als dominant durchsetzen wird. Bisher wurden auch in den betroffenen Gebieten allerdings keine erhöhten Krankenhauseinweisungen oder Todesfälle registriert. Daher gibt es Hoffnung, dass die Impfungen zumindest gegen schwere Erkrankungen mit dem mutierten Erreger schützen.

Sollten die geplanten Öffnungen wegen der Ausbreitung der indischen Variante nicht klappen, könnte Johnsons zuletzt eher positive Bilanz in der Pandemie wieder ins Negative umschlagen. Am Wochenende wurden Stimmen laut, die dem Premier vorwarfen, erneut zu langsam gehandelt zu haben. Erst am 23. April wurden die Bestimmungen für Einreisende aus Indien drastisch verschärft - drei Wochen, nachdem bereits Pakistan und Bangladesch auf die Rote Liste der Virusvarianten-Gebiete gesetzt worden waren, für die bei Einreise eine Hotelquarantäne vorgeschrieben ist. Doch bis dahin waren laut "Sunday Times" bereits mindestens 20.000 Menschen eingereist, die womöglich das Virus mit sich brachten.

Kritiker sehen einen Zusammenhang zu einer geplanten Indien-Reise des Premiers, die Johnson eigentlich dazu nutzen wollte, die Pläne für ein Handelsabkommen mit Indien voranzubringen - eines der wichtigsten Brexit-Versprechen. Erst nach langem Zögern sagte Johnson die Reise am 19. April schließlich ab, und selbst dann dauerte es noch mehrere Tage, bis die verschärften Richtlinien in Kraft traten.(rs)