Nach der erzwungenen Landung eines Passagierflugzeugs in Weißrussland (Belarus) und der Festnahme eines Bloggers meiden immer mehr Fluggesellschaften den Luftraum über der ehemaligen Sowjetrepublik. Am Mittwochabend gab die Lufthansa bekannt, vorerst nicht mehr nach Weißrussland zu fliegen, und setzte Direktverbindungen in die Hauptstadt Minsk aus. Von der AUA hieß es am Dienstag, der weißrussische Luftraum werde "bis auf Weiteres" umflogen und Minsk derzeit nicht angeflogen.
"Aufgrund der aktuellen Lage und um unseren Fluggästen Planungsstabilität zu geben, streicht Lufthansa die Flüge von Frankfurt nach Minsk bis einschließlich 3. Juni 2021", gab die deutsche Gesellschaft am Dienstag auf Rückfrage bekannt. Zuvor hatte die Lufthansa einen Hin- und Rückflug für Mittwoch und Donnerstag gestrichen. Sie fliegt zudem nicht mehr durch den weißrussischen Luftraum. Sicherheit habe bei Lufthansa oberste Priorität, hieß es weiter.
Auch Gesellschaften wie Air France, Finnair und die polnische Lot weichen sicherheitshalber auf andere Strecken aus. Nach Angaben der europäischen Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol gibt es normalerweise täglich mehr als 300 Flüge von und nach Europa über Weißrussland.

 

Langstreckenflüge weniger betroffen

Die europäische Luftfahrtbehörde Eurocontrol empfahl den Fluglinien indes, künftig über das Baltikum zu fliegen. Das seien für die meisten Airlines die effizientesten Ausweichrouten, hieß es. Dabei hätten die Fluggesellschaften aber je nach Route zusätzliche Zeit- und Treibstoffkosten. Langstreckenflüge seien im Allgemeinen weniger betroffen. Etwa 400 zivile Flugzeuge fliegen demnach jeden Tag über Belarus, darunter 300 Überflüge.

Die Ukraine beschloss indes, das Nachbarland vorübergehend nicht mehr anzufliegen. Weißrussland protestierte gegen die Entscheidung. Der Flugverkehr mit dem Nachbarland gilt als besonders intensiv. Dem Regierungskritiker Roman Protassewitsch, der zuletzt im Ausland lebte, drohen nach seiner Verhaftung nun mehrere Jahre Haft. International gibt es auch Sorgen, dass der 26-jährige Blogger im Gefängnis misshandelt wird. Ein von den weißrussischen Behörden veröffentlichtes Video, scheint diese Befürchtungen zu bestätigen.

Die Staats- und Regierungschefs der EU hatten zuvor beschlossen, dass weißrussische Fluggesellschaften künftig nicht mehr den Luftraum der EU nutzen dürfen. Außerdem haben sie auf Flughäfen in der EU nun Start- und Landeverbot. Zudem soll es gezielte Wirtschaftssanktionen und eine Ausweitung der Liste mit Personen und Unternehmen geben, gegen die Vermögenssperren und EU-Einreiseverbote gelten.

 

Keine Reaktionen aus Minsk

Aus Minsk gab es zunächst keine Reaktionen darauf. Die Behörden des autoritär geführten Landes hatten am Sonntag ein Ryanair-Flugzeug auf dem Weg von Griechenland nach Litauen mit Hilfe eines Kampfjets zur Landung in Minsk gezwungen - angeblich wegen einer islamistischen Bombendrohung. Minsk machte die im Gazastreifen herrschende Hamas dafür verantwortlich. Ein Hamas-Sprecher wies dies jedoch als "absurd" zurück. Die Maschine flog später weiter nach Vilnius.

Ziel der Aktion war offensichtlich Protassewitsch, der aus Griechenland nach Litauen wollte, wo er zuletzt im Exil lebte. In seiner Heimat war er unter anderem wegen Anstiftung zu Protesten gegen Präsident Alexander Lukaschenko zur Fahndung ausgeschrieben. Nach einem am Montagabend veröffentlichten Video wächst nun die Sorge um ihn. Nach Angaben von Eurocontrol gab es seit Anfang April im Schnitt täglich 339 Flüge von und nach Europa durch den weißrussischen Luftraum.

Besonders häufig sind Verbindungen zwischen Russland (29) und China (14) von und nach Deutschland. Die weitaus meisten Flüge absolvierte die weißrussische Staatsfluglinie Belavia mit 46 pro Tag, für die nun ein Landeverbot in der EU gilt.Belavia hatte am Dienstag zunächst angekündigt, ihre Flüge nach London und Paris bis Ende Oktober auszusetzen. Russland als enger Verbündeter von Weißrussland will indes an Flügen über das Nachbarland festhalten. Das Außenministerium in Moskau hatte die Reaktionen des Westens als "Hysterie" bezeichnet.

Laut dem ehemaligen, langjährigen Präsidenten der Association of European Journalists, Otmar Lahodynsky, sind die neuen EU-Sanktionen nicht ausreichend. "Jetzt muss man Einreiseverbote und Kontosperren gegenüber Lukaschenko und seine Helfer verhängen und auch Bankverbindungen via Swift kappen", sagt er zur "Wiener Zeitung". Weiters müsse man ähnliche Sanktionen gegen Russland beschließen, wenn sich herausstellen sollte, dass der russische Geheimdienst an der Entführung des Flugzeugs beteiligt war. (apa, dpa, reuters, red)