Rom. Die Bilder vom Attentat in Capaci haben sich in das kollektive Gedächtnis Italiens eingebrannt. Man sieht die von einer 500-Kilogramm-Bombe verwüstete Autobahn und die Wracks der Autos bei Palermo. Fünf Menschen starben bei diesem Anschlag der sizilianischen Mafia im Februar 1992, der Ermittlungsrichter Giovanni Falcone und seine Frau sowie drei Leibwächter. Der Mann, der damals den Auslöser auf der Fernbedienung drückte, hat nach 25 Jahren Haft am Montag das Gefängnis Rebibbia in Rom verlassen. Giovanni Brusca, der "Killer von Capaci", hat seine Strafe abgesessen.

Auf Sizilien nennen sie ihn "u verru", das Schwein. Brusca war nicht nur operativer Arm des Oberbosses der Cosa Nostra, Toto Riina aus Corleone, sondern auch einer der grausamsten Mörder der Mafia. 150 Morde sollen auf sein Konto gehen. Nachdem der heute 64-Jährige vier Jahre nach dem Attentat von Capaci gefasst wurde, konnte er sich an die vielen Gewalttaten gar nicht mehr im Detail erinnern, so berichteten es zumindest die Ermittler. So viele Morde hatte Brusca ausgeführt, auf Befehl der sizilianischen "Cupola", des Führungskreises der Cosa Nostra.

Kind in Säure aufgelöst

Darf so jemand überhaupt wieder in Freiheit kommen, fragt man sich nun in Italien. Neben den Morden von Capaci, die Ermittler Falcone zur italienischen Ikone machten, bewegt vor allem ein weiteres Delikt die Gemüter. Brusca war verantwortlich für die Entführung und Ermordung des elfjährigen Giuseppe Di Matteo. Dessen Vater war ebenfalls am Attentat 1992 beteiligt und begann mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Aus Rache entführte Cosa Nostra seinen Sohn. Brusca löste dessen Leiche in Säure auf.

Doch Bruscas Geschichte, die als Sohn eines lokalen Mafiabosses aus San Giuseppe Jato bei Palermo beginnt, hat auch einen anderen Aspekt. Der Killer arbeitete mit der Justiz zusammen, nachdem er in den ersten Vernehmungen nach seiner Festnahme zunächst wirre Komplotte ersonnen hatte. In etlichen Prozessen sagte Brusca aus, große Teile des Wissens über Cosa Nostra gehen auf seine Aussagen zurück, auch Details zu den geheimen Verhandlungen, die der italienische Staat mit Cosa Nostra führte. Deren Konsequenz war die Ermordung der Ermittler Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die dieses Paktieren mit der Mafia unterbinden wollten.

Vier Jahre Überwachung

Brusca ist der bekannteste "pentito" des Landes, ein Kronzeuge, der als solcher zwischen allen Stühlen sitzt. Die Justiz erkennt seine Bemühungen zur Kollaboration an, deswegen bekam er keine lebenslange Haftstrafe, sondern darf nach 25 Jahren in Haft nun in die Freiheit. Vier Jahre lang soll Brusca gemäß einem Gerichtsbeschluss noch überwacht werden. Als Mafia-Kronzeuge ist er gefährdet und steht unter Zeugenschutz. 2002 heiratete er seine Lebensgefährtin im Gefängnis, das Paar hat einen Sohn.

Die Freilassung Bruscas ist umstritten, obwohl er ein halbes Menschenleben im Gefängnis zubrachte und die italienische Verfassung den Versuch der Resozialisierung der Täter festschreibt sowie der Kassationsgerichtshof lebenslange Haft kürzlich als verfassungswidrig einstufte. Angehörige der Opfer reagierten kritisch. Rosaria Schifani, Ehefrau des in Capaci ermordeten Leibwächters Vito Schifani, sagte: "Gerade haben wir noch den Jahrestag des Attentats von Capaci mit dem Staatspräsidenten gefeiert, acht Tage später wird der Mörder nach Hause geschickt, der die Bombe zündete und ein Kind in Säure auflöste."

Schifani hatte bei der Trauerfeier 1992 in einem herzerweichenden Aufruf die Täter zur Umkehr aufgerufen und ihre Vergebung angekündigt. "Aber dafür müsst ihr niederknien und euch ändern", flehte Schifani damals. Dies sei aus ihrer Sicht nie geschehen, lastet die Witwe des Leibwächters Tätern wie Brusca an. "Er hat nur kollaboriert, um Vorteile zu bekommen, Ausgänge, Ferien. Das ist schäbig." Eine wirkliche, innere Umkehr Bruscas sei nie erfolgt.