Es war ein beklemmendes Interview, das das weißrussische Staatsfernsehen am Donnerstagabend ausstrahlte. Ein junger inhaftierter Mann räumte da mit tränenerstickter Stimme ein, am Sturz von Staatschef Alexander Lukaschenko gearbeitet zu haben. Der 26-jährige Weißrusse stand offensichtlich unter erheblichem Druck. So erhob er Anschuldigungen gegen andere Regierungskritiker und lobte Lukaschenko. Am Ende des Interviews brach er in Tränen aus, erzählte von seinem Wunsch nach Hochzeit und Kindern - und riet der Opposition von weiteren Protesten ab.

Dass Roman Protassewitsch das alles aus freien Stücken gesagt hat, kann ausgeschlossen werden. Wieder dürfte es Folter gewesen sein, die den jungen Regimekritiker dazu drängte, solche Aussagen zu tätigen. Der mutige Mitbegründer des oppositionellen Telegram-Kanals Nexta ist binnen kurzer Zeit zu einem Symbol der demokratischen Proteste gegen Machthaber Lukaschenko geworden. Sein stilisiertes Konterfei ist auf Anti-Lukaschenko-Demonstrationen in ganz Europa zu sehen - überall dort, wo Menschenrechte und Grundfreiheiten beschworen werden.

 

"Töten für Wotan"

Doch das ist nicht der ganze Roman Protassewitsch. Vor kurzem tauchten im Internet Bilder auf, die den Journalisten in einer anderen Rolle zeigen: als Kämpfer in der Ostukraine. Für westlich-pazifistische Beobachter passen die Fotografien aus dem Jahr 2015 nicht in das Bild, das man sich von Protassewitsch gemacht hat: Man sieht einen jungen Mann in Kampfmontur und mit Stahlhelm. Auf dem Arm trägt er ein Abzeichen des berüchtigten Asow-Bataillons, einer rechtsextremen Freiwilligentruppe, die Ende 2015 in die ukrainische Nationalgarde eingegliedert worden war. Dem Asow-Bataillon wird neonazistisches und antisemitisches Gedankengut nachgesagt. So nannte sich eine Einheit innerhalb des Bataillons "Misanthropic Division". Unter dem Motto "Töten für Wotan!" verherrlichte man den Nationalsozialismus und die SS.

"Nur Fotos geschossen"

Zwar kamen bald Zweifel an der Authentizität der Bilder auf. Schließlich dürften die Fotos aus staatlichen weißrussischen Quellen stammen. Und es war Lukaschenko, der dem Blogger vorwarf, als Söldner in der Ostukraine tätig gewesen zu sein. Mittlerweile ist jedoch klar, dass die Person auf den Bildern, die möglicherweise von Protassewitschs Handy stammen, der Blogger selbst ist - und dass der Aktivist 2015 im Donbass war. Ob er dabei auch gekämpft hat - wie die Bilder nahelegen - oder ob er nur als Journalist in der Ukraine war, ist strittig: Im September 2015 wurde Protassewitsch als anonymer weißrussischer Kämpfer "Kim" in der Ostukraine von "Radio Swaboda" interviewt, der belarussischen Ausgabe des US-finanzierten Senders "Radio Liberty". Dabei gab er an, bereits seit fast einem Jahr in der Ukraine zu kämpfen. Er sei im März 2015 auch bereits von einem Schrapnell verwundet worden.

Roman Protassewitsch wirkte bei dem Interview im weißrussischen Staatsfernsehen schwer gezeichnet. - © APAweb / reuters, ONT TV
Roman Protassewitsch wirkte bei dem Interview im weißrussischen Staatsfernsehen schwer gezeichnet. - © APAweb / reuters, ONT TV

Demgegenüber bestätigte der ehemalige Asow-Kommandant Andrij Bilezky zwar, dass Protassewitsch bei seinem Regiment war. Er habe aber bloß "mit der Feder" als Waffe gekämpft. Die oppositionelle weißrussische Zeitung "Nascha Niwa" zitierte in einem aktuellen Artikel einen Asow-Kämpfer, der beschrieb, dass Bilezky Protassewitsch nicht traute, weil dieser allzu umtriebig war. Es sei befürchtet worden, dass der Weißrusse Informationen sammle. Darum habe man ihn auch nicht an Operationen beteiligt. Protassewitsch habe nur Fotos mit Waffen auf dem Trainingsplatz geschossen.

 

Auch Nawalny Nationalist

Welche Rolle Protassewitsch im Donbass auch immer gespielt hat: Er ist nicht der einzige Dissident in Osteuropa, der aus dem nationalistischen Spektrum kommt. Auch der russische Oppositionsaktivist Alexej Nawalny war zumindest am Anfang seiner politischen Tätigkeit Nationalist und verglich unter anderem Kaukasier mit Kakerlaken. Amnesty International erkannte ihm deshalb den Status eines politischen "Gewissensgefangenen" ab. Der Protest gegen Russlands Staatschef Wladimir Putin wurde lange Jahre auch von radikalen Gruppen wie den "Nationalbolschewiken" mitgetragen. Und in der Ukraine spielten nationalistische Vereinigungen eine wesentliche Rolle beim Sturz des kleptokratischen Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch - und beim Kampf gegen die prorussischen Separatisten im Donbass.

In Kiew protestieren Ukrainer für den inhaftierten Roman Protassewitsch. Schon auf dem Euromaidan 2014 war die weiß-rot-weiße Fahne der belarussischen Opposition immer wieder zu sehen. - © APAweb / reuters, Gleb Garanich
In Kiew protestieren Ukrainer für den inhaftierten Roman Protassewitsch. Schon auf dem Euromaidan 2014 war die weiß-rot-weiße Fahne der belarussischen Opposition immer wieder zu sehen. - © APAweb / reuters, Gleb Garanich

Dass sich der Protest gegen undemokratische Strukturen in Osteuropa so oft nationalistisch artikuliert, hat gute Gründe. Die Gesellschaften dort laborieren immer noch am Erbe der Sowjetunion. Diese trat ihre vorgeblich menschheitsbeglückende Mission als radikal antinationaler Staat an. Man wollte den "neuen Menschen" schaffen, den Sowjetmenschen: Bindungslos, gleich, ohne soziale, aber auch ohne nationale Schranken. Schon im Namen "Sowjetunion" - Räteunion - findet sich keinerlei regionale Verortung. Die Brüderlichkeit zwischen den kulturell ziemlich unterschiedlichen Völkern der Union, etwa zwischen Turkmenen und Balten, wurde in stereotypen Phrasen beschworen und gefeiert.

Vertuschte Massaker

An den Schulen wurden die Verbrechen der Kommunisten unter den Teppich gekehrt: Etwa die Massaker im weißrussischen Kurapaty, wo der Sowjet-Geheimdienst NKWD von 1937 bis 1941 tausende Menschen - die Schätzungen reichen von 7.000 bis 125.000 Opfern - erschoss und in Massengräbern verscharren ließ. Die sowjetischen Behörden vertuschten die Verbrechen. Sie versuchten, die Spuren der Massengräber zu beseitigen. Ganz wie im Falle der Erschießung der polnischen Offiziere in Katyn behauptete die Staatspropaganda, die Opfer von Kurapaty seien von "faschistischen deutschen Okkupanten" erschossen worden.

Es ist kein Zufall, dass es mit Zjanon Paznjak ein weißrussischer Nationalist war, der in den 1980er Jahren die Aufarbeitung der Verbrechen anstieß. Der Archäologe und Historiker führte Ausgrabungen in Kurapaty durch und befragte Zeugen. Seine Entdeckungen gaben der weißrussischen Unabhängigkeitsbewegung vor dem Zerfall der Sowjetunion 1991 Auftrieb: Zehntausende Menschen kamen 1988 nach Kurapaty, um der Opfer zu gedenken.

 

"In der Wahrheit leben"

Ähnliches spielte sich während Michael Gorbatschows Perestrojka auch in anderen Sowjetrepubliken und in ganz Osteuropa ab: Die Bindekraft des sozialistischen Zukunftsversprechens hatte angesichts der tristen Gegenwart nachgelassen. Nach den Worten von Dissidenten wie Vaclav Havel und Alexander Solschenizyn wollte man nicht mehr in der Lüge, sondern in der Wahrheit leben. Bei Solschenizyn verband sich diese Wahrheitsliebe mit dem Wunsch, ein zukünftiges Russland möge die zentralasiatischen Republiken abstoßen und ein rein slawischer Staatenbund der Russen, Weißrussen und Ukrainer werden.

Solange Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) seinem belarussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko (l.) den Rücken stärkt, dürfte sich in Minsk nur wenig ändern. Belarus ist für Russland ein geostrategisch ungemein wichtiger Staat. - © APAweb / reuters, Sputnik
Solange Russlands Präsident Wladimir Putin (r.) seinem belarussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko (l.) den Rücken stärkt, dürfte sich in Minsk nur wenig ändern. Belarus ist für Russland ein geostrategisch ungemein wichtiger Staat. - © APAweb / reuters, Sputnik

Als das Vielvölkerreich dann tatsächlich zerbrach, suchten viele das Heil in der Konzentration auf das vermeintlich Eigene. Anders als im postnationalen Westeuropa, das, in Abgrenzung zu den Verbrechen des Dritten Reiches, im nationalen Gedankengut den Sündenfall schlechthin erblickt, haben Nationalismus und Patriotismus in den Staaten der ehemaligen UdSSR wie in ganz Osteuropa einen wesentlich unschuldigeren Klang. Angesichts der jahrzehntelangen Unterdrückung durch eine repressive kommunistische Staatsmacht werden rebellische Nationalisten von vielen nicht als Extremisten wahrgenommen, sondern als mutige, idealistische Aktivisten.

Für "begrenzte Demokratie"

Auch Protassewitsch macht in dem Interview von 2015 nicht unbedingt den Eindruck, als wäre er ein Wiedergänger der deutschen Nationalsozialisten. Zwar sagte er, dass der "starke ideologische Hintergrund" und die ständigen Schulungen der Asow-Kämpfer Gründe für ihn gewesen seien, in das Bataillon einzutreten. Auch befürwortete er eine "begrenzte Demokratie", Adoptionsverbot für Schwule und eine Verschärfung der Migrationsgesetze und redete von der Bewahrung der nationalen Kultur und Identität - Forderungen, für die man in Westeuropa zumindest das Etikett des Rechtspopulisten aufgeklebt bekommt. Insgesamt überwiegt in dem Interview aber doch der Eindruck, dass Protassewitsch weniger aus Menschenverachtung als aus einem starken Gerechtigkeitsempfinden heraus handelt, das von den Untaten des Lukaschenko-Regimes immer wieder genährt wird.

 

Ein Konflikt in Belarus wäre tragisch

Das muss freilich nicht heißen, dass dieses Gerechtigkeitsempfinden harmlos wäre. In vielen Gegenden der Ex-Sowjetunion haben die wiedererwachten Dämonen des Nationalismus Opfer gefordert, wie jüngst im Südkaukasus und zwischen Kirgistan und Tadschikistan. Auch das Massaker von Odessa in der Ukraine im Mai 2014, als Nationalisten ein Gewerkschaftshaus mit Maidan-Gegnern anzündeten und daraus Geflohene wieder in den Tod zurücktrieben, zeigte, welche Sprengkraft nationalen Emotionen innewohnt.

Erst recht in Belarus: Sollte sich das Land, wie von Protassewitsch gewünscht, radikal von Russland lösen, wäre das mit unendlich viel Leid verbunden, wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch. Russland kann auf Weißrussland nicht verzichten. Anders als in der Ukraine würde ein Ost-West-Konflikt in Belarus aber wohl im ganzen Land ausgetragen. Die Folgen wären tragisch.