Nach dem schwachen Abschneiden in Sachsen-Anhalt sieht Forsa-Chef Manfred Güller kaum noch Chancen für die Grünen, bei der Bundestagswahl im September zur Nummer eins aufzusteigen. "Die Chancen der Grünen sind nicht mehr allzu groß, stärkste Partei zu werden", sagte der Meinungsforscher am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. "Sie kann das nur noch schaffen bei einem Schwächeanfall der CDU – etwa bei neuen Skandalen wie zuletzt der Maskenaffäre oder wenn Kanzlerkandidat Armin Laschet gravierende Fehler unterlaufen. Die Union ist wieder auf Kurs, stärkste Kraft zu bleiben", betonte der Meinungsforscher.

Die Grünen holten bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt - der ersten seit Bekanntgabe der Kanzlerkandidatur von Annalena Baerbock - am Sonntag rund sechs Prozent. Sie landeten damit hinter CDU, AfD, Linkspartei, SPD und FDP auf dem sechsten Platz. Bundesweit lagen die Grünen in Umfragen in den vergangenen Wochen auf Augenhöhe mit der Union. Die neuen Bundesländer sind für die Grünen seit jeher ein schwieriges Terrain, dass sie aber in Sachsen-Anhalt so wenig Zuspruch bekamen war für die Ökopartei doch ein Dämpfer.

Partei des Bildungsbürgertums

"Das Defizit der Grünen im Osten ist ein Indikator dafür, dass sie weit davon entfernt sind, eine Volkspartei zu sein", sagte Güllner. "Sie sind die Partei des Bildungsbürgertums, von Menschen in den urbanen Metropolen, die meist auch im Dunstkreis des öffentlichen Dienstes verankert ist. Aber sie sind keine Volkspartei." Die Öko-Partei hätte zuletzt zwar bei den Wahlen in ostdeutschen Bundesländern zugelegt. Aber das reiche nicht, um ihre Defizite dort auszugleichen. "Es ist eine reine Westpartei. Das kann der CDU nutzen."

Ein Absturz wie beim SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz bei der vorangegangenen Bundestagwahl drohe aber nicht. "Die Grünen haben eine andere Substanz und werden deutlich zulegen können im Vergleich zur letzten Bundestagswahl", sagte Güllner. Allerdings habe Baerbock den Rollenwechsel von der Parteivorsitzenden zur Kanzlerkandidatin noch nicht so recht vollzogen.

"Ihre Partei hat lange vermieden, konkret zu werden. Sie sind so für viele Mitte-Wähler attraktiv geworden", sagte der Meinungsforscher. "Aber sie sind dabei, das wieder zu verspielen – etwa mit der Diskussion um höhere Benzinpreise." Auch die jüngsten Aufreger etwa um Baerbocks Lebenslauf verschreckten potenzielle Wähler. "Da sie über keine Regierungserfahrung verfügt, kommen auch solche kleinen Geschichten bei schwankenden Bürgern nicht gut an", sagte Güllner. "Sie bestätigen Vorbehalte. Da bleiben kleine Zweifel hängen."

Die CDU von Ministerpräsident Reiner Haseloff hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit gut 37 Prozent der Stimmen überraschend klar für sich entschieden. "Die Lehre ist recht eindeutig: Die CDU hat zuletzt überall dort gewonnen, wo sie sich klar gegen Rechts abgegrenzt hat", sagte Güllner. "Dort, wo sie herumlaviert hat wie in Thüringen und Brandenburg, hat sie verloren." Haseloff habe sich zumindest in der letzten Phase des Wahlkampfes klar gegenüber der AfD abgegrenzt. Das sei honoriert worden. "Diesen Kurs muss die CDU durchhalten. Das ist für sie extrem wichtig, sonst geht ihr die liberale Mitte verloren, und zwar an die Grünen", so der Forsa-Chef. (reuters/red)