Der Plan hatte ursprünglich ganz anders ausgesehen. Statt noch einmal als Kandidat für das Ministerpräsidentenamt in Sachsen-Anhalt anzutreten, wollte Reiner Haseloff sich in den Ruhestand verabschieden, lieber mehr Zeit mit seiner Frau, den beiden Söhnen und den fünf Enkelkindern verbringen, als mit 67 Jahren noch einmal alles in die Wahlkampfschlacht zu werfen.

Angetreten ist Haseloff aber dennoch noch einmal, nicht zuletzt, weil seine potenziellen Nachfolger die von ihm für sich und die Partei gezogene rote Linie als nicht ganz so unverrückbar ansahen. Eine Landes-CDU, die mehr oder weniger offensiv mit der in Sachsen-Anhalt besonders scharf auftretenden AfD tändelt, wollte der überzeugte Kirchgänger auf keinen Fall hinterlassen.

Dass Haseloff, der im Streit um den richtigen Kurs der Partei im Dezember seinen Innenminister Holger Stahlknecht entlassen hatte, nun bei der Landtagswahl das beste CDU-Ergebnis seit 1998 eingefahren hat, dürfte vor allem eine persönliche Genugtuung für den studierten Physiker sein. Denn mit 37,1 Prozent sind die Konservativen nicht nur die mit Abstand stärkste Partei in Sachsen-Anhalt, dank eines unerwartet großen Stimmenzuwachses von 7,4 Prozentpunkten hat sich auch der Abstand zur AfD deutlich vergrößert. Mit 20,8 Prozent liegen die Rechtspopulisten, die sich vor der Wahl Hoffnungen auf Platz eins gemacht hatten, nun mehr als 15 Prozent hinter der CDU zurück.

"Bollwerk gegen Extreme"

Der persönliche und von hohen Popularitätswerten bei den Wählern getragene Triumph Haseloffs ist allerdings nur die eine Ebene. Denn wenige Monate vor der deutschen Bundestagswahl am 26. September ist der neue alte Ministerpräsident mit seiner deutlichen Abgrenzung zur AfD plötzlich zum konservativen Best-Practice-Beispiel geworden. So beschwört CDU-Generalsekretär Paul Ziemak noch am Wahlabend nicht nur eindringlich den "Rückenwind" für die Bundestagswahl, sondern auch den klaren Mitte-Kurs als Erfolgsrezept für die Christsozialen. Nach der Präsidiumssitzung am Montag legt dann auch noch CDU-Chef Armin Laschet nach. "Die klare Kante gegen die AfD ist nicht nur richtig, sondern wird von der Mehrheit der Menschen auch mitgetragen", sagt der sichtlich erleichterte Kanzlerkandidat. Die CDU sei das "Bollwerk gegen Extremismus" und habe bei der Landtagswahl mehr Stimmen als AfD und Linke zusammen erreicht.

Für Laschet, der an diesem Montag auch verspricht, dass der "Kurs der Mitte um keinen Millimeter verändert wird", hat sich jedenfalls ein neuer Möglichkeitsraum eröffnet. Denn bisher musste der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen immer auch die Angst haben, dass die Fans von Markus Söder und Friedrich Merz dort weitermachen, wo sie im Rennen um die Position des CDU-Chefs beziehungsweise des Kanzlerkandidaten aufgehört haben - nämlich Laschet als zu weich, zu beliebig und zu schwach zu charakterisieren. Doch mit Haseloff hat in Sachsen-Anhalt nun ein Politiker gewonnen, der vom Typus viel weniger dem bayerischen Ministerpräsidenten oder dem ehemaligen Unions-Fraktionsvorsitzenden entspricht als dem deutlich leiser und verbindlicher auftretenden Laschet. Die Querschüsse aus diesen Reihen dürften also in den kommenden Monaten deutlicher seltener werden.

Hoffen auf die Trendwende

In der CDU hoffen angesichts der Tatsache, dass sonst keine andere Partei deutlich zulegen konnte, auch schon einige auf den "Saarland-Effekt". Im Jahr 2017 hatte der Sieg der damaligen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer die Stimmungstrendwende im Superwahljahr zugunsten der Union gebracht. 2021 werde nun Sachsen-Anhalt für Aufwind sorgen, hofft Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus. Bei den Landtagswahlen in den deutlich größeren Bundesländern Rheinland-Pfalz und in Baden-Württemberg hatte die Union Mitte März noch Verluste von 2,9 beziehungsweise 4,1 Prozentpunkten eingefahren.

Klar ist allerdings, dass die Bedeutung des Wahlergebnisses in Sachsen-Anhalt vor allem eine psychologische ist und das Resultat keine generelle Trendwende widerspiegelt. Denn mit knapp 2,2 Millionen Einwohnern ist das Bundesland im Osten nicht nur relativ klein, es ist auch hinsichtlich seiner Bevölkerungsstruktur nicht repräsentativ für den Gesamtstaat. Aus Sicht von Wahlsieger Haseloff macht das allerdings nur bedingt einen Unterschied. "Wenn wir es genauso machen wie in Sachsen-Anhalt, dann werden wir erfolgreich sein", ist der Ministerpräsident überzeugt.