Der Nachfolge-Mechanismus de UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (IRMCT) wird am Dienstagnachmittag in Den Haag sein rechtskräftiges Urteil im Fall des einstigen Militärchefs der bosnischen Serben, Ratko Mladic, verkünden. In erster Instanz war er 2017 wegen Völkermordes in der ehemaligen ostbosnischen UNO-Schutzzone Srebrenica und anderer Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden.

Mladic wurde nach langem Prozess damals in zehn von elf Anklagepunkten für schuldig befunden. Er war der Vorwürfe für den Völkermord in weiteren bosnischen Gemeinden - Prijedor, Sanski Most, Kotor Varos, Foca und Vlasenica - allerdings freigesprochen worden. Die Opfer und ihre Angehörigen hoffen nun, dass Mladic in einem rechtskräftigen Urteil nicht nur wegen schwerer Kriegsverbrechen in diesen Gemeinden, sondern auch des Völkermordes für schuldig befunden wird.

Konterfei von Ratko Mladic in Belgrad. - © afp / Andrej Isakovic
Konterfei von Ratko Mladic in Belgrad. - © afp / Andrej Isakovic

Massaker in Srebrenica

Edin Ramulic von einer Menschenrechtsgruppe aus Prijedor ist überzeugt, dass sich die Anklage im Prozess gegen Mladic auf das Massaker von Srebrenica konzentriert habe und nicht genug getan wurde, um den Völkermord auch in anderen Gemeinden zu beweisen. Alleine aus einem Massengrab auf dem Gebiet von Prijedor wurden 2013 Leichen von 435 Opfern geborgen, sagte Ramulic dem Internetportal "BalkanInsight".

Die Anklage gegen Mladic bezog sich nicht nur auf Srebrenica, wo von bosnisch-serbischen Truppen unter seinem Kommando im Juli 1995 rund 8.000 muslimische Männer und Buben brutal ermordet wurden. Es ging auch um die jahrelange Belagerung Sarajevos mit rund 10.000 Toten, die Vertreibung von Tausenden bosnischen Muslimen und Kroaten sowie um die Geiselnahme von UNO-Soldaten.

Der frühere Präsident der Republika Srpska, Radovan Karadzic, wurde auf Basis derselben Anklage 2019 rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt.

Mladic 2011 festgenommen

Mladic war nach jahrelanger Flucht erst 2011 in einem Vojvodina-Dorf unweit von Zrenjanin, nordöstlich von Belgrad, gefasst und dem UNO-Tribunal übergeben worden. Der im Mai 2012 begonnene Prozess, der letzte, der vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien geführt wurde, dauerte 530 Prozesstage. Vorgeladen wurden an die 500 Zeugen, an die 10.000 Beweisunterlagen wurden präsentiert.

Dem Angeklagten war in keinem einzigen Augenblick Reue anzumerken. Ganz im Gegenteil - er wurde wiederholt aus dem Gerichtssaal wegen Provokationen entfernt, die an die Angehörigen der Opfer gerichtet waren.

Munira Subasic vom Verband der "Mütter von Srebrenica", der Mladic zu Beginn des Prozesses einmal mit halsabschneidender Geste drohte, wird am Dienstag der Verkündung de rechtskräftigen Urteils beiwohnen. Sie erwartet eine lebenslange Haft für Mladic. Es wäre Gerechtigkeit, würde er des Völkermordes auch in anderen Gemeinden für schuldig befunden, meinte sie dieser Tage gegenüber bosnischen Medien. In dem Massaker von Srebrenica hatte Subasic ihren 18-jährigen Sohn, ihren Mann und ihre Brüder verloren. Nach vielen Opfern des Srebrenica-Massakers wird noch immer gesucht. (apa)