Corona-Sorgen, Brexit-Ärger - und zuletzt auch noch die heftigen Vorwürfe seines ehemaligen Topberaters: In London lauern an jeder Ecke kleine und große Fallstricke auf Boris Johnson. Da kommt der G7-Gipfel für den britischen Premierminister genau zur rechten Zeit. In malerischer Kulisse, an der Küste von Cornwall, empfängt Johnson an diesem Freitag (11. Juni) die Großen der Weltpolitik - für ihn mehr als Ablenkung vom Alltagsgeschäft.

Denn es ist die Gelegenheit, Großbritannien nur wenige Monate nach dem Brexit als freiheits- und freihandelsliebendes Land zu präsentieren, als Vorreiter der Demokratie und Motor der Welt. Nicht gefangen von innenpolitischen Zwängen, sondern auf Du und Du mit US-Präsident Joe Biden oder Kanzlerin Angela Merkel - da ist Johnson ganz in seinem Element. "Das ist es, was er liebt", sagt der Politikwissenschaftler Anand Menon der Deutschen Presse-Agentur. "Hier kann er seinen persönlichen Charme spielen lassen." Johnson, der Populist, gilt als hemdsärmeliger Macher, als guter Partner für einen Abend im Pub. Gefühlt oft etwas zu jovial, zu laut. Aber nun als Gastgeber automatisch im Mittelpunkt. Drei Tage lang wird das südwestenglische Zipfelchen Cornwall zum Zentrum der Weltöffentlichkeit - der britischen G7-Präsidentschaft sei Dank.

Global Britain

Für den Premier bietet der Gipfel, der erste mit Präsenz seit Beginn der Corona-Krise, gleich in zwei Richtungen eine goldene Gelegenheit. Einerseits kann er sich seinen Wählern als Staatenlenker empfehlen, der die Entwicklung der Welt nach der Pandemie maßgeblich mitbestimmt. Das miserable Krisenmanagement in den ersten Corona-Monaten scheinen viele Briten bereits vergessen zu haben, für sie zählt der Erfolg des Impfprogramms, das Johnson mit Mut und Glück früh - deutlich früher als etwa die EU - beginnen ließ. Der Vorsprung seiner Konservativen in den Umfragen ist bemerkenswert.

Zum anderen kann Johnson in Cornwall der Welt zeigen, dass das Post-Brexit-Großbritannien tatsächlich ein "Global Britain" ist, wie er seine Vision eines starken, unabhängigen Landes ohne die als Fesseln empfundenen Regeln der EU nennt. Dabei spielt Johnson in die Hände, dass eine solch hochkarätige Veranstaltung in seinem Land stattfindet, gerade wenn globale Führung am meisten benötigt wird, um die Erholung von der wohl schlimmsten internationalen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg in die Wege zu leiten.

Johnson als Gastgeber

Johnson bietet sich der Platz, als Gastgeber, aber auch, weil die zwei wohl wichtigsten Protagonisten damit beschäftigt sind, ihre Rolle zu finden: Für Kanzlerin Merkel ist es vermutlich der letzte Gipfel, für US-Präsident Biden der erste - bei seinem ersten Europabesuch im neuen Amt. Der G7-Gipfel ist zudem erst der Auftakt. Bis zur UNO-Klimakonferenz im November in Glasgow wird Großbritannien ganz selbstverständlich in der ersten Reihe der Weltpolitik stehen. Als ersten Erfolg reklamiert die Regierung die viel gelobte Einigung auf eine weltweite Digitalsteuer für sich. "Britannien übernimmt die Führung der Welt", titelte der "Sunday Express" selbstbewusst.

Klimapolitik steht für Johnson auch beim G7-Gipfel im Zentrum. Bei der Erholung von der Corona-Pandemie dürfe die Umwelt nicht außer Acht gelassen werden, mahnt er wiederholt. "Boris hat gut erkannt, dass Klimapolitik leichte Siege verspricht - denn alle sind sich einig, dass dringendes Handeln nötig ist", sagte das ehemalige Kabinettsmitglied David Lidington dem US-Sender CNN.

Doch der Premier muss sich durchaus Fragen gefallen lassen. Wie soll der globale Austausch funktionieren, wenn Großbritannien nach dem Brexit internationale Studienprogramme wie Erasmus verlässt und Studenten sowie Lehrenden die Einreise nur mit teuren Visa genehmigt? Wie will Johnson die Bande mit Europa festigen, wenn doch das gegenseitige Vertrauen nach dem Brexit beschädigt ist? Wie will er eine gute Beziehung zu US-Präsident Biden aufbauen, der Johnson einst mit seinem Vorgänger Donald Trump verglich und sich auch in der heiklen Nordirland-Frage gegen den Premier stellt?

London strebt nach Verantwortung

Es sind viele "Aber", denen sich Johnson gegenübersieht. Zwar schickt Johnson einen riesigen Flugzeugträger als Zeichen neu gewonnener Größe um die Welt. Aber auf dem gigantischen Deck stehen mehrheitlich US-Jets. London will Verantwortung in der Welt übernehmen. Aber Johnson streicht mit Verweis auf die teuren Corona-Maßnahmen die internationale Nothilfe zusammen. Die UN-Veto-und Atommacht Großbritannien klammere sich so gerade noch an ihrem Platz an der Weltspitze fest, zitierte der Journalist Nick Robinson in seiner "Daily Mail"-Kolumne eine ranghohe Quelle aus dem Regierungsviertel.

Doch das sind Fragen, die Johnson in Cornwall wohl ebenso wenig fürchten muss wie Kommentare zu Brexit-Handelsproblemen. Dafür sei der Premier als Gastgeber zu wichtig, meint Politologe Menon. "Alle wollen etwas erreichen und überlegen, wie Boris ihnen dabei helfen kann." Johnson kann sich also des Gipfelglanzes sicher sein. Interessant werde aber sein, sagt der Experte, ob das Vereinigte Königreich sich denn auch an seine Versprechen und Ankündigungen halten werde, wenn das diplomatische Rampenlicht ausgeknipst ist. (apa, dpa)