Lange hatten die Spitzenpolitiker der westlichen Welt online konferiert. Nun ist wieder Zeit für die große Bühne: Von Freitag bis Sonntag werden sich die Präsidenten und Regierungschefs der führenden Industrienationen wieder von Angesicht zu Angesicht austauschen können - auf dem G7-Gipfel in Cornwall. Die malerische Gegend im Südwesten Englands bietet für den britischen Premier Boris Johnson den perfekten Rahmen, sein Land als Führungsmacht im Kreis der Demokratien und als globalen Player zu inszenieren.

Das Treffen bietet für Johnson auch eine willkommene Ablenkung von den Stromschnellen der britischen Politik: Zuletzt wurde mit den Enthüllungen von Johnsons Ex-Berater Dominic Cummings offenbar, dass der Premier das Coronavirus anfangs sträflich unterschätzte. Johnson, so Cummings, hätte sich das Virus sogar spritzen lassen wollen, um dessen Harmlosigkeit zu beweisen.

 

Impfkampagne hilft Johnson

Das schlechte Krisenmanagement seiner Regierung in den ersten Monaten der Pandemie ist heute dennoch fast vergessen. Schließlich hatte Johnson das britische Impfprogramm früher als viele Länder gestartet, früher auch als die unbeweglichere EU. Der Erfolg des Programms bestätigte für viele die Richtigkeit der Brexit-Entscheidung - und von Johnsons Vision eines "Global Britain", eines starken, unabhängigen Landes ohne die Fesseln der EU, einer globalen Führungsmacht der Demokratie - immer Schulter an Schulter mit dem unverzichtbaren Partner aus Übersee, den USA.

Als "physischen und emotionalen Klon" von Ex-US-Präsident Donald Trump (r.) bezeichnete Trumps Nachfolger Joe Biden den britischen Premierminister Boris Johnson (l.). Dass dieser sich mit Trump gut verstand, dürfte für Biden aber mittlerweile kein Problem mehr sein. - © APAweb / afp, Saul Loeb
Als "physischen und emotionalen Klon" von Ex-US-Präsident Donald Trump (r.) bezeichnete Trumps Nachfolger Joe Biden den britischen Premierminister Boris Johnson (l.). Dass dieser sich mit Trump gut verstand, dürfte für Biden aber mittlerweile kein Problem mehr sein. - © APAweb / afp, Saul Loeb

Wie realistisch diese Führungsrolle Großbritanniens heute noch ist, ist freilich unklar. Dass das Königreich mit Verweis auf seine teuren Corona-Maßnahmen jüngst das Geld für internationale Nothilfe zusammenstrich, wurde nicht nur in Johnsons eigener Partei kritisiert. Die Maßnahme erweckt auch nicht den Eindruck, als würde Großbritannien als moralische Führungsmacht auf die Weltbühne zurückkehren. Zudem ist - gerade nach dem Brexit - die Gefahr, dass Großbritannien durch eine Sezession Schottlands zu einem Kleinbritannien wird, immer gegeben.

Realer als Großmachtsträume ist die "special relationship", die besondere Beziehung zwischen den USA und Großbritannien. Schon im Ersten Weltkrieg kamen die USA ihren angelsächsischen Verwandten zu Hilfe.

"Ein Klon Trumps"

Im Zweiten Weltkrieg schuf dann die enge Zusammenarbeit zwischen dem britischen Premier Winston Churchill und US-Präsident Franklin D. Roosevelt die Grundlage für den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland. Später kämpften Margaret Thatcher auf britischer und Ronald Reagan auf US-amerikanischer Seite gemeinsam für Privatisierung und Zurückdrängung des Staates. 2003 schließlich führten US-Präsident George W. Bush und der britische Labour-Premier Tony Blair Seite an Seite ihre Länder in den Irakkrieg. Dass sich zwischen Johnson und dem neuen US-Präsidenten Joe Biden, der ebenfalls in Cornwall dabei sein wird, ein ähnliches Vertrauensverhältnis entwickeln könnte, ist zwar möglich, aber nicht sicher. Schließlich hatte Johnson Bidens ehemaligen Chef, Ex-US-Präsident Barack Obama, 2016 wegen dessen "teils kenianischer" Abstammung eine "angeborene Abneigung gegen das britische Imperium" attestiert. Und der Demokrat Biden beschrieb Johnson Ende 2019 als "physischen und emotionalen Klon" des damaligen US-Präsidenten Donald Trump.

 

Bidens irische Wurzeln

Tatsächlich war Johnsons Verhältnis zu Trump trotz einiger Differenzen, etwa in der Klimapolitik, ein gutes. Johnsons in der EU ungeliebter Brexit-Kurs fand bei Trump Gefallen. Vergleiche zwischen den beiden Politikern waren an der Tagesordnung. Johnson galt vielen als eine Art intellektuellere Ausgabe des Milliardärs.

Mit dem Treffen mit Großbritanniens Premierminister Boris Johnson startet US-Präsident Joe Biden (im Bild) am Donnerstag seinen Gipfelmarathon in Europa. Auf den G7-Gipfel von Freitag bis Sonntag folgen in der kommenden Woche noch ein Nato-Gipfel, ein EU-USA-Treffen und die Zusammenkunft mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Genf. - © APAweb / reuters, Carlos Barria
Mit dem Treffen mit Großbritanniens Premierminister Boris Johnson startet US-Präsident Joe Biden (im Bild) am Donnerstag seinen Gipfelmarathon in Europa. Auf den G7-Gipfel von Freitag bis Sonntag folgen in der kommenden Woche noch ein Nato-Gipfel, ein EU-USA-Treffen und die Zusammenkunft mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Genf. - © APAweb / reuters, Carlos Barria

Außerdem betont Biden seine irischen Wurzeln. Im Nordirland-Konflikt steht er im Zweifelsfall auf irischer Seite: Im vergangenen Herbst warnte er London, zwischen Irland und Nordirland dürfe keine harte Grenze entstehen. Falls doch, gebe es keine Aussicht auf jenes Freihandelsabkommen mit den USA, das Johnson nach dem Brexit nötig hat.

Kein Interesse an Konflikt

Dennoch dürfte es beim Treffen in Cornwall zu keinen gröberen Konflikten zwischen den beiden Politikern kommen. Die Zusammenarbeit bei Themen wie Corona und Klima funktioniert, Johnson will sich hier als Vorreiter im Kampf gegen diese Bedrohungen präsentieren. Auch was die Nato betrifft, wird sich Johnson mit Biden leichter tun als mit dessen Vorgänger Trump. Der US-Präsident wiederum hat nach dessen Wahl im Jänner als Erster den britischen Premier angerufen. Ernsthaftes Interesse an einer Konfrontation hat keiner der beiden Politiker. Das Treffen in Cornwall dürfte also harmonisch vonstattengehen.(leg, apa)