Es ist ein ebenso deprimierender wie majestätisch-erhabener Ort: Die Festung Brest im heutigen Weißrussland. Sie ist direkt am Bug gelegen, dem Fluss, der die Ex-Sowjetrepublik von Polen trennt. Die Ruinen atmen Geschichte: Hier donnerten vor mittlerweile 80 Jahren die deutschen Geschütze. Die sowjetischen Soldaten und Zivilisten wurden in ihren Betten von dem Inferno überrascht. "Ich bin plötzlich erwacht, dachte mir: Was ist los? Alles brannte. Ich konnte mich noch retten, aber 300 bis 400 meiner Kameraden kamen im Feuer um", berichtete vor Jahren ein sowjetischer Soldat.

Am Vorabend hatten die Sowjetsoldaten noch gesungen, gelacht und das Sonnwendfest gefeiert. Ihre deutschen Schicksalsgenossen, die auf der anderen Seite des Bugs in den Wäldern campierten, hörten ihre Stimmen. Sie wussten allerdings schon vom kommenden Feuersturm. Ihnen war soeben der Angriffstermin mitgeteilt worden: 22. Juni 1941, 03.15 Uhr. In der kommenden Nacht also. Für viele Soldaten war das ein schwerer Schlag: Viele hatten geglaubt, dass keine neue Front eröffnet wird. Gerüchte gingen um, man bekäme eine Durchfahrtsgenehmigung durch die Sowjetunion, um etwa in Baku gegen die Briten zu kämpfen. Auch die deutsche Presse verhielt sich ungewohnt ruhig. "Wir legen diesmal eine neue Walze auf", notierte Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch. "Wir hüllen uns in tiefstes Schweigen und schlagen am X-Tage einfach los."

Auf deutscher Seite gab man sich siegesgewiss: Man hoffte, die durch die Stalin’schen Säuberungen angeschlagene Rote Armee im grenznahen Gebiet rasch schlagen und dann nach Osten marschieren zu können. Trotz allem zur Schau gestellten Optimismus beschlichen manche in der deutschen Führung aber auch düstere Vorahnungen. Goebbels notierte, man möge es nicht als böses Omen werten, dass der Angriffstermin derselbe sei wie der Napoleons gegen Russland. Und Hitler selbst sprach: "Mir ist, als ob ich die Tür zu einem dunklen, nie gesehenen Raum aufstoße, ohne zu wissen, was sich hinter der Tür befindet."

Millionen sind verhungert

Für die Sowjetunion begann im Juni 1941 ein entsetzlicher Opfergang. Die deutsche Führung setzte im Osten auf einen rassenideologischen Vernichtungskrieg. Sie bot nach einem deutschen Sieg vor allem den Russen nur die Perspektive eines Sklavenvolkes, ließ Millionen Kriegsgefangene bewusst verhungern, um die Rationen für die deutsche Bevölkerung nicht kürzen zu müssen - neben dem raschen Scheitern der gewohnten Blitzkriegstrategie in den Weiten Russlands ein weiterer Grund für die deutsche Niederlage. Der Blutzoll, den die Völker der Sowjetunion entrichten mussten, war extrem hoch. 27 Millionen Menschen sollen auf sowjetischer Seite im "Großen Vaterländischen Krieg" zwischen 1941 und 1945 umgekommen sein. In buchstäblich jeder Familie befanden sich zahlreiche Opfer. Besonders schlimm wütete das Morden auf dem Gebiet des heutigen Weißrusslands: Ein ganzes Drittel der Bevölkerung verlor in dem Inferno ihr Leben.

Der Soldatenkopf in der Festung Brest in Belarus ist ganze 35 Meter hoch. 
- © APAweb / AFP / Sergei Gapon

Der Soldatenkopf in der Festung Brest in Belarus ist ganze 35 Meter hoch.

- © APAweb / AFP / Sergei Gapon

Was geschah, überstieg jedes menschliche Maß. So ist es auch kein Wunder, dass die Erinnerung an den Krieg in der Sowjetzeit oft monumentale Formen annahm. Heldentum und Opferbereitschaft stehen im Vordergrund. Das Denkmal in der Brester Festung etwa ist ganze 35 Meter hoch. In grimmiger Entschlossenheit reckt sich da der Kopf eines Soldaten aus einem Felsen empor. Bei näherem Hinsehen bemerkt man, dass das Mahnmal in Beton gegossen ist - ein derart großer Felsbrocken wäre für den Transport zu massiv gewesen. Vor den Ruinen erklingt dunkle, elegische Musik. Hier findet die übermenschliche Wucht der damaligen Ereignisse bildhaften Ausdruck.

Allerdings nicht nur die Wucht der Ereignisse, sondern auch ihr Umgang damit: Nach dem Ende des Krieges gab es, einmal abgesehen von der Siegesparade 1945, noch keine großen Feiern auf dem Roten Platz. Der Sieg wurde dem Genie von Diktator Josef Stalin zugeschrieben. Nach dessen Tod 1953 gab es auf dem Platz, der früher Stalin zustand, eine Leerstelle. Dessen Nachfolger Nikita Chrutschtschow wechselte die Perspektive: Man habe - durchaus zutreffend - nicht wegen, sondern trotz Stalin gewonnen. Sieger war ab nun das Heldenvolk der Sowjetunion.

Der Historiker und Osteuropa-Experte Jörg Baberowski weist darauf hin, dass die Sowjetunion damit gewissermaßen neu gegründet wurde: Bis 1945 war dieser Staat auf dem Mythos der Oktoberrevolution aufgebaut. Spätestens nach Stalins Tod auf etwas anderem: Der Erzählung vom heldenhaften Volk, das in gemeinsamer, opferbereiter Anstrengung die "Faschisten" aus dem Land getrieben hatte (von Nationalsozialisten sprach man nicht, dieses Vokabel hätte Assoziationen zum eigenen System auslösen können). Diese Erzählung wirkte ungemein integrativ. Sie umschloss selbst jene Sowjetbürger, die auf die eine oder andere Weise Opfer Stalins geworden waren. Der gemeinsam errungene Sieg bot eine positive Identität, die in der Lage war, die Schrecken des Krieges und der Stalinzeit vergessen zu machen.

150.000 Deserteure erschossen

Und zu diesen zählten nicht nur die Säuberungen des Diktators innerhalb der KP, die Deportation missliebiger Volksgruppen oder die Erschießung politischer Gegner oder Kriegsgefangener wie der polnischen Offiziere in Katyn. Dazu zählte auch die Behandlung der eigenen Soldaten im Krieg. Man vermutet heute, dass rund 150.000 Rotarmisten im Zweiten Weltkrieg wegen Fahnenflucht erschossen wurden - auf deutscher Seite waren es "nur" etwa 20.000.

Der Mythos vom Sieg des ganzen Volkes kleisterte diese Wunden zu - zumindest in Russland und Belarus. Denn auch der Partisanenkrieg, im Weißrussland von Präsident Alexander Lukaschenko ein wichtiger Teil der Staatsideologie, war weniger eine geeinte, kollektive Kraftanstrengung des ganzen Volkes gegen die deutschen Besatzer als ein erbarmungsloser Kampf jeder gegen jeden. Die ansässige bäuerliche Bevölkerung geriet dabei zwischen die Fronten und war den lokalen Warlords, wie man heute sagen würde, so schutzlos ausgeliefert wie den Racheaktionen der Deutschen. Es kam zu grotesken Fällen: So wurden etwa geflohene Juden von Partisanengruppen als "Spione der Deutschen" erschossen.

Die Sieger-Identität half den Menschen, die Traumata zu vergessen. Sie stiftete der UdSSR ein neues Gemeinschaftsgefühl. Die Grautöne traten dabei mehr und mehr zurück: Sprach Chruschtschow noch von den verbrecherischen Befehlen Stalins, war davon unter seinem Nachfolger Leonid Breschnew nicht mehr die Rede. In Russland stehen bis heute Sieg und Heldentum im Mittelpunkt - obwohl auch die Leiden der Zivilbevölkerung nicht verschwiegen werden.

Das hat auch mit den Kränkungen in den 1990er-Jahren zu tun: Damals hatten viele Russen das Gefühl, ihr Land könne sich nun tatsächlich in eine "normale" Demokratie westlichen Zuschnitts verwandeln. Der Schmerz, das Imperium verloren zu haben, hätte vielleicht durch die Erringung breiten Wohlstands in einer freien Gesellschaft kompensiert werden können. Doch dieser Traum zerstob schon durch die räuberische Art und Weise, mit der sich führende Ex-Kommunisten das Staatseigentum unter den Nagel rissen - und durch den Zusammenbruch von Ordnung und Sicherheit im Land. Das Verhalten des Westens interpretierten dabei viele als überheblich: Dass dieser den Wünschen der mittel- und osteuropäischen Staaten nach einem Nato-Beitritt nachkam und sich Russland gegenüber eher reserviert verhielt, schürte Misstrauen.

Verdrängtes wird hochgespült

Umgekehrt trachtete man in Budapest, Prag und vor allem Warschau - von den baltischen Staaten ganz zu schweigen - möglichst rasch danach, das vielleicht nur kurze Zeitfenster zu nutzen und unter den Schutzschirm der Nato zu schlüpfen. Zu präsent war die lähmende Sowjetzeit, zu lebendig auch noch die Erinnerung an die Schrecken des Zweiten Weltkrieges - und an die Untaten Stalins und seiner Schergen. Die lange verdrängte Vergangenheit, sie war wieder präsent - und wurde umgeschrieben: Auch in einem Staat wie der Ukraine, einem integralen Teil der Sowjetunion, korrigierte man das sowjetische Geschichtsbild, thematisierte das Verbrechen des Holodomor, des millionenfachen Hungermords in der Sowjetukraine 1932-33. Und man schuf sich einen eigenen patriotischen Geschichtsmythos, der, vor allem seit dem Krieg in der Ostukraine, seinerseits Unangenehmes ausblendet - etwa die Verbrechen der ukrainischen Aufstandsarmee an Polen und Juden und die Beteiligung vieler Ukrainer am Holocaust.

In Moskau hat man für die Zwangslagen vieler Osteuropäer zwischen Hitler und Stalin kaum Verständnis. Präsident Wladimir Putin sieht sich und sein Land als Gralshüter des Antifaschismus. Man sieht in den Anwürfen etwa der Polen, das totalitäre Sowjetregime sei nur eine Art Bruder im Geiste Hitlers gewesen, eine grobe Ungerechtigkeit - schließlich waren es ja Sowjetsoldaten, die das Land befreit und ihm damit auch seine heutige Existenz ermöglicht haben. Während Polen von Russland Entschuldigungen für die Verbrechen der Sowjetzeit einfordert, erwartet sich Moskau von Warschau Dankbarkeit für die Befreiung. Und in der ukrainischen Geschichtspolitik, etwa in der Benennung von Straßen nach dem Nationalisten Stepan Bandera, sieht der Kreml ohnehin ein Wiedererwachen des Faschismus. Die Erinnerung an den großen Krieg wirkt in den aktuellen osteuropäischen Konflikten wie ein Brandbeschleuniger. Die Untaten der damaligen Zeit sind die Quelle neuer Konflikte.