Knapp 200 Euro war die Wirecard-Aktie an ihrem Höchststand im September 2018 wert. Wer damals eingestiegen ist, glaubte sich im Glanz des deutschen Zahlungsabwicklers und Finanzdienstleisters zu sonnen. Doch die Blase ist im vergangenen Jahr geplatzt. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen bandenmäßigen Betrugs seit 2015, Bilanzfälschung, Marktmanipulation und Geldwäsche, nachdem Wirecard erst eingestand, dass in der Bilanz angeführte 1,9 Milliarden Euro nicht auffindbar sind und dann Insolvenz anmeldete. Heute ist die Wirecard-Aktie ein sogenannter Pennystock, der Kurs liegt bei rund 0,4 Euro, die Differenz zum Höchststand bei 99,7 Prozent.

Über die politische Verantwortung dieses Skandals befand der U-Ausschuss des Bundestages. Dort wurden in den vergangenen Monaten mehr als 100 Zeugen befragt, auch Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) sowie der SPD-Finanzminister Olaf Scholz. Auf gemeinsame Empfehlungen konnte sich der Ausschuss nicht einigen. Die Parteien zogen auch angesichts der anstehenden Bundestagswahl Ende September ganz unterschiedliche Schlüsse aus dem 4.500 Seiten starken Abschlussbericht des Ausschusses.

Ziel der konservativen Kritik war am Dienstag der sozialdemokratische Kanzlerkandidat. Die Scholz unterstehende Finanzaufsicht BaFin und das für sie zuständige Finanzministerium hätten sich "jahrelang in einem Aufsichtstiefschlaf befunden", kritisierte der Chef der Fraktion von CDU/CSU im Ausschuss, Matthias Hauer. Er forderte zwar nicht den Rücktritt von Scholz, jedoch sollte dessen Staatssekretär Jörg Kukies freigestellt werden: "Er hat den Hut bei der BaFin auf."

Tatsächlich hat die Finanzaufsicht im Wirecard-Skandal ein desaströses Bild abgegeben. Sie sei frühen Hinweisen auf mögliche Unregelmäßigkeiten bei Wirecard nicht nachgegangen, lautet unisono der Vorwurf der Opposition. Nach kritischen Artikeln der Wirtschaftszeitung "Financial Times" und Vorwürfen zu Bilanzungereimtheiten bei Wirecard nahm die Behörde den Finanzdienstleister in Schutz, indem sie - erstmals bei einem Einzeltitel - ein Leerverkaufsverbot der Aktie verhängte. Damit sollten Wetten auf einen fallenden Wirecard-Kurs unterbunden werden. Anleger sahen darin ein Gütesiegel der BaFin für Wirecard und investierten in das Kartenhaus.

Behördenchef Felix Hufeld verteidigte das Verbot von Spekulationen im U-Ausschuss als "beinahe zwingend". Es sei jedoch nicht klar genug gemacht worden, dass es sich dabei um keine Parteinahme für Wirecard gehandelt habe. Hufelds Vertrag wurde später einvernehmlich aufgelöst, die BaFin erhält eine neue Organisationsstruktur und mehr Prüfer.

Für die SPD steht nicht ihr Finanzminister Scholz im Zentrum der Kritik, sondern die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY. Diese hatte die Jahresabschlüsse von Wirecard testiert. EY hätte den "Bilanzbetrug feststellen können und müssen", sagte die Abgeordnete Cansel Kiziltepe. Bis heute jedoch versuche EY, die Arbeit des Ausschusses zu behindern.

Kanzlerin und Minister sehen keine Fehler bei sich

Die Wirtschaftsprüfer seien nicht angemessen kontrolliert worden durch die zuständige Behörde Apas, kritisierte ihr Parteikollege Jens Zimmermann. Und da Apas dem CDU-geführten Wirtschaftsministerium untersteht, sieht die SPD nicht bei Scholz Erklärungsbedarf, sondern dessen Amtskollegen Peter Altmaier.

Beide Minister sahen bei ihren Befragungen im Ausschuss keine Fehler bei sich, ebenso wenig Kanzlerin Merkel, die einst bei einer China-Reise für Wirecard lobbyiert hatte. Eingefädelt wurde das von dem gefallenen CSU-Star und früheren Minister Karl Theodor zu Guttenberg.

Von der U-Haft in den U-Ausschuss gebracht wurde dabei auch Wirecards ehemaliger Vorstandsvorsitzender, Markus Braun. Während der Österreicher seit vergangenem Sommer hinter Gittern sitzt, ist Ex-Vorstandskollege und Landsmann Jan Marsalek noch immer auf der Flucht; er wird in Russland vermutet.

Beide waren in Österreich politisch bestens vernetzt. FPÖ-Chef Herbert Kickl erklärte am Dienstag, er wolle bei einer Fortsetzung des Ibiza-U-Ausschusses als "interessanten Aspekt" den Wirecard-Skandal beleuchten. Es gebe "interessante Verbindungen nach Österreich" - und zwar "nicht irgendwohin, sondern ins Bundeskanzleramt". Bekannt ist, dass Braun ÖVP - wie auch Neos - finanziell unterstützte und im Thinktank des Kanzleramtes saß. (da/apa/reu)