Am Samstag war es wieder einmal so weit. Hinter den Häusern Venedigs ragten riesige Schornsteine hervor, schwarzer Ruß trat aus. Das Kreuzfahrtschiff "MSC Orchestra" fuhr am Markusplatz vorbei. Die Lagunenstadt wirkte wie eine Kulisse. Eigentlich hat die italienische Regierung im März ein Dekret erlassen, das die Durchfahrt der Kreuzfahrtschiffe verhindern soll. Doch die Durchsetzung des Gesetzes lässt auf sich warten. Auch das ist ein Grund, warum die Unesco Venedig auf ihre Rote Liste setzen könnte, die Liste der gefährdeten Stätten des Weltkulturerbes.

Vom 15. bis 31. Juli tagen die Unesco-Experten in Peking das nächste Mal. Schon 2019 hatte die Weltkulturorganisation diese Maßnahme angedroht, die keine konkreten Folgen hat. Allerdings wäre es ein schwerer Schlag für die Reputation der Stadt mit möglichen Auswirkungen etwa auf den Tourismus. Der war während der Corona-Pandemie im Lockdown bis auf null zurückgegangen, auch die Kreuzfahrtschiffe fuhren nicht mehr.

Jubel und Proteste

Protest gegen die ersten Schiffe nach dem Lockdown. - © reuters / Manuel Silvestri
Protest gegen die ersten Schiffe nach dem Lockdown. - © reuters / Manuel Silvestri

Nun beginnen die Reisen wieder und auch Venedig steht erneut ganz oben auf der Liste der Feriendestinationen. Anfang Juni kamen die ersten Kreuzfahrtschiffe zurück in die Stadt. Die Hafenarbeiter jubelten, Umweltschützer protestierten. Während früher bis zu acht Kreuzfahrtriesen an einem einzigen Wochenende in Venedig anlegten, sind es derzeit zwei bis drei pro Woche. "Die Kreuzfahrtschiffe sind eines der Probleme", sagte Mechtild Rössler, Direktorin des Unesco-Welterbe-Zentrums, italienischen Medien. Es gehe auch um andere Fragen wie "die Auswirkungen des Massentourismus, den Rückgang der Einwohner oder das Fehlen eines klaren Planes zur Eindämmung der Effekte des Klimawandels" in Venedig.

Zwar ist inzwischen das Hochwasserschutzsystem Mose in Betrieb und bewahrte die Stadt im Herbst bereits mehrfach vor den Fluten. Doch für die Unesco fehlt es an weitergehenden Maßnahmen und einer glaubwürdigen Planung. "Wenn Venedig auf die Rote Liste gesetzt würde, wäre das ein Alarmsignal", sagt einer der Vorgänger Rösslers beim Welterbe-Zentrum, Francesco Bandarin: "Die Stadt würde Prestige verlieren und es würde international deutlich, dass es ein Problem gibt im Hinblick auf die von der Politik zu treffenden Entscheidungen." Im Fall der Kreuzfahrtschiffe werden die verschiedenen Interessen deutlich, die in Venedig miteinander konkurrieren.

Umweltschützer weisen auf die Luftverpestung durch die Groß-Schiffe, auf die statische Gefährdung des labilen Untergrunds der Lagunenstadt durch die Verdrängung großer Wassermassen sowie auf die Zerstörung der marinen Fauna hin. Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro, der der Unesco einen entsprechenden Maßnahmenkatalog vorlegen sollte, scheint eher an der wirtschaftlichen Bedeutung des Tourismus interessiert zu sein.

Politischer Spielball

Das gilt für den Gouverneur des Veneto, Luca Zaia: "Venedig und das Veneto werden nie auf den Kreuzfahrt-Tourismus verzichten, das ist ein Sektor an dem 4500 Arbeitsplätze, 200 Unternehmen und enorme Geldflüsse hängen." Die Gewerkschaft hat eine ähnliche Haltung: "Venedig ist Weltkulturerbe und braucht keinen Stempel von der Unesco", sagt CGIL-Funktionär Natale Colombo.

Die Politik in Rom versucht den Problemen seit Jahren Rechnung zu tragen, bislang ohne Erfolg. Bereits 2014 blockierte ein Ministerkomitee die Einfahrt der Riesenschiffe, ein Gericht hob den Beschluss wieder auf. In diesem März fiel schließlich erneut die Entscheidung, die Kreuzfahrtriesen aus der Lagune zu verbannen, allerdings erst nach einer Übergangszeit. Eigentlich sollen die Kreuzfahrtschiffe bereits ab dem 5. Juli nicht mehr auf der spektakulären Route durch den Giudecca-Kanal am Markusplatz vorbeifahren dürfen, sondern im westlich gelegenen Industriehafen Marghera anlegen. Dort fehlt es aber bislang an den entsprechenden Landungsbrücken, die für 41 Millionen Euro erst noch gebaut werden müssen.

Die Landung in Marghera soll dann auch nur eine Übergangslösung sein. In einem in diesen Tagen von der Regierung in Rom veröffentlichten Ideenwettbewerb soll eine definitive Lösung für die Landung der Schiffe außerhalb der Lagune gesucht werden. Bis es dazu kommt, dürfte noch einige Zeit vergehen. Die Unesco will ihre Entscheidung ab Mitte Juli treffen.