Im Jahr 2017 hat die EU-Kommission eine fünfjährige Zulassung für das Pflanzenschutzmittel Glyphosat erteilt, das damit vorerst bis 15. Dezember 2022 in der EU zugelassen ist. Daran üben Umweltschützer seit Jahren Kritik und haben nun neue Argumente auf den Tisch gelegt. Unter Verweis auf Artikel in den Zeitungen "The Guardian" und "Le Monde" sowie im Magazin "Der Spiegel", in denen eine wissenschaftliche Analyse präsentiert wurde, haben Global 2000 und die Initiative Stop Glyphosat nun erklärt, dass nur 2 von insgesamt 53 Studien über die Gentoxizität (DNA-Schädigung) von Glyphosat als "zuverlässig" bewertet worden seien.

Die Studien hatten die Glyphosat-Hersteller im vorherigen Zulassungsverfahren zur Demonstration der Unbedenklichkeit ihres Pestizidwirkstoffs vorgelegt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hatte demnach 45 dieser Studien als vollwertige und 6 weitere als ergänzende Beweise für die Abwesenheit von Gentoxizität akzeptiert und sich im November 2015 für eine Wiederzulassung von Glyphosat ausgesprochen. Damit widersprach die EFSA der WHO-Krebsforschungsagentur (IARC), die wenige Monate zuvor Glyphosat als gentoxisch eingestuft hatte.

Die Umweltschützer fordern jetzt einen raschen Zulassungsstopp. In Österreich hat der Nationalrat Glyphosat im heurigen Mai für die private Nutzung verboten. Das geht aber den Gegnern nicht weit genug, da 90 Prozent des in Österreich verwendeten Glyphosats in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt und nach dem neuen Gesetz nicht beschränkt werden., wie sie argumentieren

Laut den Autoren der nun von den Umweltschützern ins Treffen gebrachten Analyse, dem Krebsforscher Siegfried Knasmüller und dem Toxikologen Armen Nersesyan von der Medizinischen Universität Wien, lässt sich die von der EFSA behauptete Abwesenheit von Gentoxizität anhand dieser 53 Industriestudien nicht behaupten. 34 würden "substantielle" Abweichungen von den (für solche Zulassungsstudien verbindlichen) OECD-Testrichtlinien aufweisen und seien daher als "nicht zuverlässig" zu werten, so die beiden Wissenschafter.

Und auch die verbleibenden Industriestudien (von denen nur 2 als "zuverlässig" und 17 als "teilweise zuverlässig" eingestuft wurden) seien nicht geeignet, die Abwesenheit von Gentoxizität in jenen Organen zu belegen, in denen publizierte akademische Studien über Gentoxizität von Glyphosat berichten und die WHO-Krebsforschungsagentur einen Anstieg der Tumorhäufigkeit in Versuchstieren festgestellt hat: in der Leber und in der Niere. Darüber hinaus zeigten auch Experimente mit menschlichen Leberzelllinien wiederholt positive Resultate. Doch keines dieser Organe sei von den Glyphosat-Hersteller anhand aussagekräftiger Verfahren auf Gentoxizität untersucht worden, so die Kritik. Und das, obwohl es diese Verfahren für die Prüfung von Chemikalien gebe und dafür auch internationale Testrichtlinien vorhanden seien.

Drastische Worte findet dazu der Biochemiker Helmut Burtscher-Schaden von Global 2000: "Subtrahiert man von den 53 Gentoxizitätsstudien der Industrie all jene Studien, die in der Durchführung grob fehlerhaft und im Studiendesign ungeeignet sind, dann bleibt am Ende nichts über. Nichts, außer der Frage, auf welcher Grundlage die EU-Behörden jemals behaupten konnten, Glyphosat sei ‚nicht genotoxisch‘."

Wie alle Zulassungsstudien von Pestizidherstellern unterlagen auch die nun analysierten 53 Gentoxizitätsstudien jahrzehntelang strikter Geheimhaltung. Doch ein Urteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH) vom März 2019 verpflichtete die EFSA dazu, derartige Studien auf Anfrage offenzulegen. Das ermöglichte es der NGO SumOfUs, diese 53 Studien zu erhalten und eine unabhängige wissenschaftliche Überprüfung ihrer methodischen Qualität und Übereinstimmung mit den für Zulassungsstudien verbindlichen OECD Testrichtlinien zu beauftragen.