In den meisten der 16 deutschen Bundesländer haben die Sommerferien noch gar nicht begonnen. Aber wie 2020 tobt erneut eine Debatte, ob die Zehntausenden Schulen und Kindergärten in der Corona-Pandemie ausreichend für den folgenden Schulstart eingestellt sind. "Kinder und Jugendliche haben es verdient, dass es die oberste Priorität ist, dass Schulen nach den Ferien so normal wie möglich starten können", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn.

100.000 Klassenräume und 14.000 Bestellungen

Doch schon die Anschaffung von Lüftungsgeräten, die die in der Luft befindlichen Viren absaugen sollen, ist umstritten. "Wir haben fast 100.000 Klassenzimmer und Übungsräume, aber die Kommunen haben nur 14.000 Filteranlagen angeschafft oder bestellt. Das reicht nicht", kritisierte etwa Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor wenigen Tagen und drohte mit einer Landesanweisung. Denn wegen der Zuständigkeit für die Gebäude müssen die Kommunen und Schulträger mitspielen. "Es muss eine Luftfilteranlage für jeden Klassenraum in diesem Land zur Verfügung gestellt werden", fordert jetzt auch Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock gegenüber der Funke Mediengruppe. Eine Reuters-Umfrage unter den Bundesländern zeigt aber, dass die Landesregierungen völlig unterschiedlich vorgehen wollen.

Bayern will 50 Prozent fördern

Söders Kritik an den Kommunen war nur das Vorspiel für die folgende Ankündigung, dass das Land Bayern 50 Prozent der Kosten der Kommunen für die Lüfter übernehmen will. Dies würde entsprechende Bundesprogramme ergänzen. Erst am 12. Mai beschloss das Bundeskabinett etwa eine Förderung von stationären Luftfiltern in Schulen, in denen unter 12-Jährige unterrichtet werden. Der Grund: Diese werden im Herbst anders als die Älteren noch nicht geimpft, also besonders anfällig für Covid-Infektionen sein. Bis zum 1. Juli waren nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums 176 Anträge für den Neueinbau eingegangen, bisher wurden 84 Zusagen mit einem Volumen von rund 21 Millionen Euro verschickt.

Die geringen Zahlen zeigen schon, dass nur wenige begeistert dem bayerischen Vorbild folgen. "Uns ist bisher keine wissenschaftliche Stellungnahme bekannt, die sagt, dass der Einsatz von Lüftungsanlagen uns selbst bei starkem Infektionsgeschehen einen Präsenzunterricht sicher gewährleisten könnte", heißt es etwa im Kultusministerium im benachbarten Baden-Württemberg. "Vielmehr kommen beispielsweise das Bundesumweltamt und auch der Expertenkreis Aerosole des Landes Baden-Württemberg zum Ergebnis, dass Luftfilter zwar als zusätzliche Maßnahme sinnvoll sein können, sprechen sich aber nicht für einen generellen Einsatz dieser Geräte aus."

Das stimme zwar, heißt es im Bundesgesundheitsministerium. Aber Spahn verweist darauf, dass es in der ganzen Corona-Bekämpfung darum gehe, das Risiko einer Ansteckung mit verschiedenen Maßnahmen zu minimieren - dazu könnten Luftfilter ein Beitrag sein. Der Chef des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, beklagte über Monate, dass Gemeinden und Schulen die RKI-Empfehlungen nur bedingt umsetzten.

Saarland und Hessen wollen "bedarfsorientiert" vorgehen

Länder wie das Saarland oder Hessen wollen aber nur abgestuft vorgehen: Das Land fördere die Anschaffung solcher Geräte durch die Schulträger "bedarfsorientiert" mit vier Millionen Euro, heißt es im Kultusministerium in Saarbrücken. Bis Mitte Mai seien rund 200 Klassenräume mit entsprechenden Geräten ausgestattet worden. Rund 480.000 Euro der Fördersumme seien durch die Schulträger abgerufen worden. Ähnlich sieht es im deutlich größeren Hessen aus: Das Kultusministerium teilt mit, dass von den bereitgestellten 75 Millionen Euro bisher 40 Millionen investiert worden seien. "Der Einsatz ist aber nur dort vorgesehen und sinnvoll, wo nicht gelüftet werden kann", heißt es dazu. Dazu gehören etwa Klassenzimmer in oberen Etagen, in denen die Fenster nicht geöffnet werden können.

In etlichen Bundesländern passiert wenig: In Niedersachsen etwa wurde nur eine Million Euro für mobile Lüftungsgeräte ausgegeben. Und in Thüringen, Brandenburg oder Sachsen-Anhalt bremst man die Debatte - und verweist auf das Umweltbundesamt: Luftreiniger seien nur eine der Maßnahmen, die Schulträger ergreifen könnten, betont das Kultusministerium in Erfurt. "Die Empfehlungen des Umweltbundesamtes ... lassen sich zugespitzt folgendermaßen zusammenfassen: Der beste Luftreiniger ist das geöffnete Fenster." Auch das Bildungsministerium in Potsdam verweist auf das Umweltbundesamt. Jede Schule habe aber zwei sogenannte Luftgüteampeln erhalten, die anzeigen, wann gelüftet werden muss.

"Keine nachhaltige Investition"

In Sachsen-Anhalt ist das Bildungsministerium noch zurückhaltender: "Falsch aufgestellte Geräte und Luftreiniger mit unwirksamen Filtern führen nicht zu einem Mehr an innenraumlufthygienischer Sicherheit, sondern können die Situation sogar verschlechtern", argumentiert das Kultusministerium. Da die Geräte nach Beendigung der Pandemie nicht mehr gebraucht würden, handele es sich auch "um keine nachhaltige Investition". In Rheinland-Pfalz wiederum heißt es: "In den meisten unserer Schulen erfolgt eine Fensterlüftung." Es wird auf die Verantwortung der Schulträger verwiesen, die mit einer Förderung von bis zu 80 Prozent rechnen könnten.

Die Antworten der Länder deuten auf einen erneuten Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen in den Schulen im Herbst hin. Der Städte- und Gemeindebund weist vorsorglich die Verantwortung der Kommunen für einen verschleppten Einbau von Filtergeräten in Klassenzimmern zurück. "Was es nicht gab, war eine Bestandsaufnahme der Kultusminister und eine klare Erwartungshaltung der Landesregierungen", sagt ein Sprecher auf Anfrage. Sicher dürfe man jetzt nicht wieder Zeit vertrödeln. Aber ohne finanzielle Hilfe von Bund und Ländern könnten die Kommunen und Schulträger diese Aufgabe ohnehin nicht bewältigen.