Das Schiff "Ocean Viking" der Hilfsorganisation SOS Mediterranee hat bei einem neuen Einsatz weitere Bootsmigranten im Mittelmeer gerettet. 369 Personen wurden von einem Boot in Seenot in libyschen Gewässern gerettet. Damit stieg die Zahl der Menschen an Bord des Rettungsschiffes auf 572, teilte die Hilfsorganisation am Montag mit. Noch unklar ist, wo die Migranten landen sollen.

Viele Menschen wagen von der Küste Libyens aus in kleinen Booten die riskante Fahrt über das Mittelmeer in Richtung Europa. Das Bürgerkriegsland in Nordafrika ist ein zentrales Transitgebiet für sie. Die privaten Rettungsaktionen sind politisch umstritten. Oft können die Hilfsschiffe in Italien anlegen, manchmal auch in Malta. Libyens Küstenwache bringt viele Bootsmigranten zurück an Land.

14 Leichen am Strand von Zawia in Libyen

Vor Tunesiens Küste sind nach Angaben des Roten Halbmondes mindestens 43 Migranten bei einem Schiffsunglück ertrunken. Sie hätten versucht, von Libyen aus über das Mittelmeer nach Italien und damit in die EU zu gelangen, teilte der tunesische Ableger der Hilfsorganisation am Samstag mit. 84 Menschen seien von der Marine gerettet worden. Das Boot sei in Suwara an der Nordwestküste Libyens gestartet. An Bord seien Menschen aus Ägypten, Sudan, Eritrea und Bangladesch gewesen.

Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden 14 Leichen von Migranten am Strand von Zawia in Libyen gefunden. Dies berichtete IOM-Sprecherin Safa Msehli auf Twitter. "Eine traurige Erinnerung daran, dass viele Menschen im Mittelmeer in unsichtbaren Schiffswracks ertrinken, weil es keine effektive und verantwortungsvolle staatliche Suche und Rettung gibt", betonte Msehli.

Hunderttausende Menschen haben sich in den vergangenen Jahren über das Mittelmeer auf den Weg nach Europa gemacht, oft fliehen sie vor Konflikten und Armut in ihrer Heimat. Meist stammen die Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten.

In den vergangenen Wochen hat es vor der tunesischen Küste bereits mehrere Schiffsunglücke gegeben, bei denen Dutzende Menschen ertrunken sind. Erst Anfang Juni kamen mehr als 20 Migranten aus Afrika ums Leben. Auch sie wollten nach Italien.

Da sich das Wetter während des Sommers verbessert hat, versuchen zahlreiche Menschen über den gefährlichen Seeweg in kleinen, oft überfüllten und kaum seetauglichen Booten von Afrika nach Europa zu gelangen. Meist starten sie von Tunesien und Libyen aus in Richtung Italien. Häufig ist die italienische Insel Lampedusa das Ziel. In den vergangenen Jahren waren weniger Menschen in Italien angekommen, doch seit 2021 werden es wieder mehr. Nach Angaben des Innenministeriums in Rom erreichten seit Jahresbeginn fast 19.800 Migranten Italien, im selben Zeitraum 2020 waren es rund 6700.

Die deutsche Hilfsorganisation Sea Watch erstattete unterdessen bei der Staatsanwaltschaft des sizilianischen Stadt Agrigent Anzeige, nachdem ein libysches Patrouillenboot Schüsse auf ein mit Migranten besetztes Boot abgegeben hatte. Die libysche Küstenwache leitete nach der Veröffentlichung des Videos, das von einem Flugzeug einer NGO aufgenommen wurde, eine interne Untersuchung ein.

Die Behörden auf Sizilien hatten zuvor das Seenotretterschiff "Geo Barents" der Organisation Ärzte ohne Grenzen festgesetzt. Am Freitag hätten Kontrolleure in der Hafenstadt Augusta das Schiff über mehrere Stunden inspiziert, teilte Ärzte ohne Grenzen am Samstag mit. Die "Geo Barents" werde nun wegen Mängeln festgehalten. Ärzte ohne Grenzen sieht nach eigenen Angaben hinter den Kontrollen das Ziel der Behörden, gegen Schiffe von privaten Hilfsorganisationen diskriminierend vorzugehen.

Immer wieder halten die italienischen Behörden Schiffe der privaten Seenotretter fest. Betroffen sind derzeit die "Sea-Eye 4" und die "Sea-Watch 4". Die zuletzt festgesetzte "Sea-Watch 3" bekam nach Angaben einer Sea-Watch-Sprecherin die Genehmigung, in ihren spanischen Heimathafen Burriana zu fahren, um Mängel zu beheben. Oft beanstanden die Behörden ihre Ausrüstung oder dass sie für ihre Einsätze in der falschen Klasse kategorisiert sind.

Neun Menschen vermisst, sieben Menschen ertrunken

Die italienische Küstenwache setzt unterdessen einen Tauchroboter bei der Suche nach neun Menschen ein, die nach einem Schiffbruch vor Lampedusa am Mittwoch noch immer vermisst werden. Das überfüllte Boot war gekentert, sieben Frauen kamen ums Leben, weitere 46 Menschen konnten sich retten. Die Taucher vermuten, dass das Boot in einer Tiefe von bis zu 70 Metern liegt. Um es genau zu lokalisieren, soll der Roboter eingesetzt werden.

Erst danach sollen Taucher zum Einsatz kommen, berichtete die Küstenwache. Die Ermittlungen zum Schiffsunglück führt die Staatsanwaltschaft der sizilianischen Stadt Agrigent, die für Lampedusa zuständig ist. Ermittelt wird auch wegen Schlepperei. (apa)