Der Ausgang der vorgezogenen Parlamentswahl am Sonntag in Bulgarien ist nach wie vor unklar. Die bürgerliche Partei GERB des früheren Regierungschefs Boiko Borissow erzielte bei der Neuwahl amtlichen Zwischenergebnissen zufolge vorläufig einen hauchdünnen Vorsprung von 0,25 Prozentpunkten vor der populistischen ITN ("Es gibt so ein Volk") des Entertainers Slawi Trifonow, was sich aber noch zugunsten von Trifonow ändern dürfte.

Wie die Zentrale Wahlkommission (ZIK) nach Auszählung von gut 95 Prozent der Stimmen aus dem Inland mitteilte, kommt Borissows GERB auf 23,91 Prozent der Stimmen. Zweitstärkste Kraft mit sehr geringem Abstand ist danach mit 23,66 Prozent Trifonows systemkritische ITN. Das amtliche Endergebnis soll erst am Sonntag bekannt werden.

Das Zwischenergebnis dürfte sich Meinungsforschern zufolge noch zugunsten von Trifonow drehen, wenn alle Stimmen der Bulgaren im Ausland, darunter aus Österreich, ausgezählt sind. In der Wahlnacht hatten sich die Prognosen von Meinungsforschern ähnlich zugunsten von Trifonow verändert. Der Wahltag endete Montagfrüh um 6.00 Uhr bulgarischer Zeit mit der Abstimmung an der US-Westküste.

Trifonows 2020 gegründete Partei ITN ist nicht im EU-Parlament vertreten, während Borissows GERB zur Europäischen Volkspartei (EVP) gehört - ebenso wie die ÖVP. Die ITN strebt die Einführung eines Mehrheitswahlrechts an, um das System der alten Parteieliten zu verändern.

Die oppositionellen Sozialisten (BSP) kamen dem Zwischenergebnis zufolge mit 13,63 Prozent auf Platz drei. Es galt als sicher, dass ins Parlament in Sofia drei weitere Protestkräfte einziehen: die konservativ-liberal-grüne Koalition Demokratisches Bulgarien/DB (12,55 Prozent) und das Protestbündnis "Richte dich auf! Mafiosi raus!" (5,04 Prozent). Die wirtschaftsliberale DPS lag bei 10,59 Prozent. Insgesamt sechs Parteien konnten somit die Vier-Prozent-Hürde überwinden - nicht aber die Nationalisten.

Borissow-Gegner verfehlen Mehrheit

Bei dieser Kräfteverteilung hat das Anti-Borissow-Lager die absolute Parlamentsmehrheit verfehlt. Eine Zusammenarbeit mit Borissows GERB schließen seine Gegner aus, da sie Borissows früherer Koalitionsregierung Korruptionspraktiken vorwerfen. Borissow dürfte keine Partner mehr finden, um wieder zu regieren.

Bereits bei dieser Abstimmung hatte die zur Europäischen Volkspartei (EVP) gehörende GERB deutlich an Rückhalt eingebüßt, war aber mit gut 26 Prozent stärkste Kraft geblieben. Trifonows ITN errang damals 17,6 Prozent der Stimmen. Als Reaktion auf das schlechte Wahlergebnis im April war Borissow, der in Bulgarien seit 2009 fast durchgehend an der Macht gewesen war, zurückgetreten. Eine Übergangsregierung wurde geschaffen.

Gegen Borissows Regierung und ihr Corona-Management hatte es im Sommer des vergangenen Jahres Massenproteste gegeben. Die Wahl am Sonntag galt daher auch als Machtprobe zwischen der langjährigen Machtelite und der Protestbewegung. Gegner werfen Borissow vor, selbst für ein korruptes System bulgarischer Oligarchen zu stehen. Das hat sein Image als Kämpfer für Recht und Ordnung massiv beschädigt.

Der ehemalige Regierungschef wies am Sonntag bei seiner Stimmabgabe erneut jegliches Fehlverhalten zurück und bekräftigte seine Vorwürfe gegen die Übergangsregierung. Diese habe "Chaos gesät". Mit Blick auf Probleme mit Wahlcomputern beschuldigte er die Übergangsregierung zudem, eine "venezolanische" Wahl organisiert zu haben. A

Trifonow hatte vor der Wahl angekündigt, er selbst wolle weder Ministerpräsident noch Abgeordneter werden, sondern lediglich eine Regierungsbildung ohne Beteiligung der etablierten Parteien ermöglichen. "Es ist Zeit zu beenden, was wir angefangen haben und das Regierungsmodell komplett zu ändern", schrieb er bei Facebook. Er hoffe auf eine neue Regierung aus "jungen Leuten, neuen Gesichtern". Die Wahlbeteiligung am Sonntag lag Schätzungen zufolge deutlich niedriger als im April, als die Hälfte der Stimmberechtigten zur Wahl ging.