Um den Wahlsieg wurde noch am Tag nach der Wahl gerungen. Beim Votum über ein neues Parlament in Bulgarien am Sonntag hatten sich die zwei erfolgreichsten Parteien ein so knappes Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert, dass noch am Montag jedes Zwischenergebnis einen anderen Sieger hervorbringen konnte. Noch auszuzählen sind die Stimmen der im Ausland lebenden Bulgaren; mit dem amtlichen Endresultat wird erst Ende der Woche gerechnet.

Dennoch ist schon eines klar: Dem Land droht die nächste politische Hängepartie. Denn keines der Lager wurde mit einer Mehrheit ausgestattet, die die Bildung einer stabilen Regierung erlaubt.

Auf jeweils rund ein Viertel der Stimmen kamen die bürgerliche Partei Gerb des früheren Ministerpräsidenten Bojko Borissow sowie die Anti-Establishment-Partei ITN ("Es gibt ein Volk") des populären Fernsehmoderators und Sängers Slawi Trifonow. Es wurde nicht damit gerechnet, dass es dem 62-jährigen Borissow gelingen würde, ein stabiles Kabinett zu schmieden.

Das hatte der Politiker, der seit 2009 fast durchgehend an der Regierungsmacht gewesen war, auch nach dem Urnengang Anfang April nicht geschafft. Bei dem Votum hatte Gerb zwar deutlich an Rückhalt eingebüßt, war aber mit gut 26 Prozent stärkste Kraft geblieben. Trifonows Gruppierung erhielt damals mehr als 17 Prozent der Stimmen. Borissow scheiterte mit dem Versuch einer Koalitionsbildung und trat zurück.

Mittlerweile dürfte er keine Partner mehr finden, um wieder zu regieren. Eine Zusammenarbeit mit seiner Partei schließen seine Gegner aus, da sie Borissows früherer Koalitionsregierung Korruptionspraktiken vorwerfen.

Diesmal werden ITN größere Chancen zugetraut, ein Bündnis schmieden zu können. Trifonow kann sich auf die Unterstützung von zwei kleinen Parteien verlassen, die sich ebenfalls dem Kampf gegen die Korruption verschrieben haben. Insgesamt dürften sechs Parteien ins Abgeordnetenhaus in Sofia einziehen, unter ihnen die oppositionellen Sozialisten, die bei der Wahl auf Platz drei gekommen waren.

Tiefe Spaltung

Die absolute Parlamentsmehrheit hat das Anti-Borissow-Lager aber verfehlt. Der Entertainer Trifonow kündigte denn auch den Versuch an, eine Minderheitsregierung zu bilden - und hatte auch gleich ein paar Namen für mögliche Postenbesetzungen parat. Er selbst will auf das Amt des Premiers verzichten, stattdessen schlägt er für diese Aufgabe Nikolaj Wassilew vor. Dieser war Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister in zwei bulgarischen Regierungen.

Andere mögliche Regierungsmitglieder hingegen haben keine politische Erfahrung. Als potenzielle Minister nannte Trifonow einige junge, in den USA und Westeuropa ausgebildete Experten.

Das Wahlergebnis wirft jedenfalls ein Schlaglicht auf die tiefe Spaltung des ärmsten EU-Landes mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern. Einerseits kann Borissows Partei trotz Korruptionsvorwürfen noch immer etliche Stimmen erringen. Auf der anderen Seite hoffen viele Bulgaren auf ein entschiedeneres Vorgehen gegen Vetternwirtschaft und Bestechung. Sie werfen Borissow vor, nicht entschlossen genug gegen mächtige Oligarchen vorzugehen oder diese sogar zu unterstützen. Seine Anhänger hingegen halten dem Ex-Premier zugute, sich um eine Modernisierung der maroden Infrastruktur zu bemühen und für höhere Gehälter von Staatsbediensteten zu sorgen.

Das Land könnte nun vor wochenlangen Koalitionsgesprächen oder sogar einer weiteren Wahl stehen. Dies dürfte die Anstrengungen Bulgariens ausbremsen, sich Mittel aus dem Milliarden Euro schweren EU-Wiederaufbaufonds zu sichern und das Budget für 2022 zu verabschieden.