Für den Klimaschutz dürften Flugtickets in Europa auf absehbare Zeit teurer werden. Mit ihrem Paket "Fit for 55" hat die EU-Kommission auch für den Luftverkehr Instrumente vorgeschlagen, die zunächst für erhebliche zusätzliche Lasten sorgen. Verschärfter Emissionshandel, eine neue innereuropäische Kerosinsteuer sowie Mindestquoten für nachhaltige Treibstoffe würden für die Fluggesellschaften zusätzliche Milliardenkosten bedeuten, die sie an ihre Kunden weitergeben müssten. "Mehr Ambition beim Klimaschutz im Luftverkehr kostet, das ist klar", hatte Lufthansa-Stratege Kay Lindemann schon vor den Brüsseler Klimaschutzvorschlägen erklärt.

Klimaneutralität

Die Luftverkehrslobby hat sich das Ziel der Klimaneutralität längst auf die eigenen Fahnen geschrieben. Doch bei der konkreten Ausgestaltung gibt es viel Kritik an den Vorschlägen der Kommission, beispielsweise vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). Emissionshandel und eine innereuropäische Kerosinsteuer belasteten einseitig die europäischen Netzwerkgesellschaften wie Air France und Lufthansa, klagt der Verband. Die starke Konkurrenz aus der Türkei und vom Golf werde bestenfalls für den kurzen Zubringerflug zur Kasse gebeten.

   Die mögliche Folge: Umsteige-Fernflüge würden wegen der Kostenvorteile und ohne Rücksicht auf die Klimabilanz auf außereuropäische Drehkreuze verlagert. In Frankfurt, Amsterdam und Paris gingen Arbeitsplätze bei Fluggesellschaften wie Flughäfen verloren.

Emissionsfreie Flieger

   Von Lufthansa-Chef Carsten Spohr stammt das Bonmot, dass der letzte Liter Erdöl wahrscheinlich in einer Flugzeug-Turbine verbrannt werde. Zu hoch ist der Energiebedarf der schweren Jets beim Start, als dass bereits heute ausreichend Ersatz für die extrem energiedichten fossilen Brennstoffe existierte. Zwar arbeiten weltweit Start-ups und etablierte Hersteller an zunächst hybriden und später auch vollelektrischen Flugzeugen. Airbus will 2035 das erste emissionsfreie, mit Wasserstoff betriebene Passagierflugzeug marktreif haben, doch auch zu diesem Zeitpunkt werden noch herkömmliche Flugzeuge mit 30 Jahren Betriebsdauer neu in den Dienst gestellt werden.

 

   Bis auf Weiteres versprechen neben effizienteren Triebwerken lediglich alternative Brennstoffe eine CO2-Linderung für den Luftverkehr, beispielsweise aus Speiseresten gewonnenes Kerosin oder perspektivisch auch mit viel Grünstrom produzierte synthetische Kraftstoffe (Power to Liquid). Die EU will durchsetzen, dass auch die außereuropäischen Fluggesellschaften bei ihren Starts aus Europa den teureren Klima-Sprit tanken müssen, was nach Meinung der Industrie aber leicht umgangen werden könnte.

Insellösungen

   Innerhalb Europas wird es hingegen für alle Anbieter gleichmäßig teurer. "Die meisten Passagiere sind bereit, angemessene Ticketpreise zu bezahlen", meint dazu Marion Jungbluth, Verkehrsexpertin der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die bisherigen Instrumente zum Emissionshandel seien weitgehend wirkungslos geblieben, so dass sie die schärferen Vorgaben begrüße. "Die EU-Anforderungen sind ambitioniert, aber auf der anderen Seite bekommt der Luftverkehr auch viel Unterstützung bei der Entwicklung neuer Technologien."

   Allerdings seien im internationalen Luftverkehr Insellösungen nicht möglich, so dass darauf geachtet werden müsse, dass die eigentlichen Nutznießer nicht außereuropäische Airlines mit geringeren Klimaanforderungen würden. Und in Europa dürften die Fluggesellschaften nicht im Gegenzug zu Klimazugeständnissen die Fluggastrechte zurück abwickeln, warnt Jungbluth. Entsprechende Bestrebungen gebe es bereits.

Wochenendtrips  

   Eine Angriffsfläche bot die Branche in Vor-Corona-Zeiten mit extrem billigen Tickets, mit denen eine vorher nicht vorhandene Nachfrage stimuliert wurde. Ob der Wochenendtrip für 9,90 Euro in fremden Metropolen mit dem EU-Klimapaket der Vergangenheit angehört, glaubt BDL-Präsident Peter Gerber nicht: "Um solche Preise zu unterbinden, braucht es keine neuen wettbewerbsverzerrenden Steuern und Abgaben, sondern eine Anti-Dumping-Regelung auf europäischer Ebene. Flugtickets sollten nicht zu einem Preis unterhalb der anwendbaren Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfen."

   "Letztlich ist es dringend notwendig, dass Fliegen deutlich teurer wird", sagt Lars Watermann vom Flugrechtdienstleister EUflight. Die Nachfrage werde trotzdem da sein, nicht nur wegen des Nachholbedarfs nach der Coronakrise. Er rechnet damit, dass es wegen der engen Flugpläne weiter viele Verspätungen, Ausfälle und kurzfristige Absagen gibt. "Es wäre daher nur logisch, dass der Flug auch erst bei Antritt bezahlt werden müsste."

Altmaier will mehr Unterstützung für Industrie

Indessen hat sich der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier dafür ausgesprochen, Branchen wie die Stahlindustrie bei den Klimaplänen in der EU mehr zu unterstützen. "Wenn wir ambitionierter werden, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass wir mehr Mittel aufwenden und dass wir mehr Unterstützung zur Verfügung stellen," so Altmaier. Die EU-Kommission hatte ein Maßnahmenpaket vorgestellt, damit verschärfte Klimaziele erreicht werden können.

Altmaier betonte, es müsse verhindert werden, dass Unternehmen aus der EU abwanderten - weil die Konkurrenz aus anderen Weltregionen, die weniger klimafreundlich produziere, die Produkte billiger anbiete. Altmaier sprach aber mit Blick auf die Frage, ob dies konform sei mit den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), von einem "sehr schwierigen Dossier".

"Grüner Stahl"

Altmaier nannte vor allem die Stahlindustrie. "Grüner" Stahl sei deutlich teurer als herkömmlicher Stahl. Preisunterschiede dürften aber nicht zum Nachteil der europäischen und deutschen Stahlindustrie werden. Bei der Einführung eines europäischen Grenzausgleichsmechanismus sollte eine kostenlose Zuteilung von CO2-Zertifikaten so lange beibehalten werden, bis über einen solchen Ausgleich gleiche Wettbewerbsbedingungen erzielt werden könnten.

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl kritisierte, das von der Kommission vorgelegte Paket versäume es, die richtigen Weichen für eine klimaneutrale Stahlindustrie zu stellen. Im Gegenteil erhöhten die Pläne zum Emissionsrechtehandel die Gefahr von internationalen Wettbewerbsnachteilen. Besonders kritisch bewerte die Stahlindustrie, dass die freie Zuteilung der Zertifikate im EU-Emissionsrechtehandel massiv abgeschmolzen werden solle. In Branchen wie der Stahlindustrie solle sie darüber hinaus schrittweise bis 2030 halbiert und bis 2035 sogar gänzlich abgeschafft und durch einen CO2-Grenzausgleich ersetzt werden. Ein Klimazoll allein könne jedoch nicht verhindern, dass Stahl künftig in anderen Regionen der Welt mit geringeren Klimaschutz-Auflagen produziert werde. (apa / dpa)