Kritik am Trainer oder an den Vorgesetzten wird im Spitzensport selten goutiert. So hat es der stets streitbare Paul Scharner gleich zwei Mal geschafft, aus dem Fußballnationalteam zu fliegen - einmal hatte er den ÖFB via Medien scharf kritisiert, beim zweiten Mal hatte er sich mit dem damaligen Teamchef Marcel Koller zerstritten. Bei englischen Fußball-Spitzenvereinen soll es in den Verträgen Schweigeklauseln geben - wer den Verein oder Trainer in irgendeiner Form kritisiert, muss mit empfindlichen Geldstrafen rechnen. Und der deutsche Skisprinter Alexander Herr flog 2006 aus dem Olympia-Team, weil er die Bedingungen bei einem internen Ausscheidungsspringen kommentiert hatte, und zwar mit den Worten: "Das ist eine Lachnummer, die die Kompetenz des Trainers zeigt."

Auch die weißrussische Athletin Kristina Timanowskaja beschwerte sich öffentlich über die "Fahrlässigkeit" ihrer Trainer - nachdem diese die Leichtathletin, die sich gerade auf den 200-Meter-Sprintwettbewerb vorbereitete, gegen ihren Willen und offenbar ohne sie zu informieren für die 4x400-Meter-Staffel aufgestellt hatten. Offenbar hätte der Verband wegen mangelnder Dopingkontrollen sonst nicht genug Läuferinnen zur Verfügung gehabt. Und auch Timanowskaja flog nach der Kritik aus dem Team.

Aus einer sportlichen Kritik wird ein politischer Fall

Trotzdem ist ihr Fall ein ganz anderer, weshalb nun auch die ganze Welt auf ihn blickt: Er hat nämlich auch und vor allem eine politische Dimension, und gefährdet sind nun die Freiheit und die Unversehrtheit der Sprinterin.

Denn Timanowskaja sagte nach ihrem Rauswurf dem Internetportal "Tribuna": "Ich habe Angst, dass sie mich in Belarus womöglich ins Gefängnis sperren. Ich habe keine Angst, dass sie mich entlassen oder aus der Nationalmannschaft werfen. Ich habe Angst um meine Sicherheit."

Dafür hatte sie auch gute Gründe: Medien in ihrer Heimat hatten eine Kampagne gegen Timanowskaja gestartet, und begründet wurde ihr Rauswurf mit der "emotional-psychischen Verfassung" der Athletin - eine Wortwahl, die bei Bürgern einer Diktatur wie Weißrussland nur die Alarmglocken schrillen lassen kann.

Die Sportlerin berichtete zudem, ihr sei mitgeteilt worden, dass es einen Befehl von oben gebe, sie zu entfernen. Man habe versucht, sie gegen ihren Willen aus Japan wieder nach Belarus zu bringen. Mittlerweile sind geleakte Tonbandaufzeichnungen aufgetaucht, die bestätigen, dass die Sportlerin gedrängt wurde, nach Belarus zurückzukehren und zu schweigen: "Sonst wird es dir wie einer Fliege gehen, die sich durch hektische Bewegungen immer mehr in einem Spinnennetz verfängt", drohte ihr ein Funktionär. Doch die Leichtathletin ist dem Regime von Alexander Lukaschenko nun offenbar entlaufen. Polen hat ihr ein humanitäres Visum ausgestellt.

Spekulationen über Asylantrag in Österreich

Die Athletin "steht bereits in direktem Kontakt mit polnischen Diplomaten in Tokio", erklärte Polens stellvertretender Außenminister Marcin Przydacz am Montag auf Twitter. "Polen werde alles tun, "was notwendig ist, um ihr zu helfen, ihre Sportkarriere fortzusetzen", fügte er hinzu. Timanowskaja sei in "sicherem und gutem Zustand" an der polnischen Botschaft in Tokio. Sie werde in den nächsten Tagen nach Polen reisen, ergänzte Przydacz gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Auch ihr Ehemann flüchtete offenbar bereits aus Belarus in die benachbarte Ukraine.

Zuvor hatte es Berichte einer Oppositionsgruppe gegeben, wonach Timanowskaja bei der österreichischen Botschaft in Tokio um Asyl anzusuchen versucht. Das wäre insofern naheliegend gewesen, als dass die Sprinterin der Trainingsgruppe des österreichischen Coaches Philipp Unfried angehört. Österreichische Behörden berichteten aber umgehend, dass es keine Kontaktaufnahme gegeben habe. Gleichzeitig hat Österreich aber, im Gegensatz zu anderen Ländern - neben Polen hatte ihr etwa auch Tschechien ein Visum in Aussicht ausgestellt -, auch nicht von sich aus der Athletin Hilfe angeboten.

Weißrusslands Machthaber Lukaschenko hat - wie so viele Diktatoren - sich den Sport gerne für Propagandazwecke zunutze gemacht. Allerdings hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) ihn schon im Vorfeld der Spiele in Tokio von allen olympischen Aktivitäten ausgeschlossen, weil das belarussische Regime die Sportler nicht genügend vor politischer Diskriminierung geschützt habe.

Auch loyale Trainer
müssen nun bangen

Und nun kann sich Lukaschenko nicht im Glanz der Erfolge seiner Sportler sonnen, vielmehr wirft der Fall ein Schlaglicht auf die Zustände in seinem Land. Seit dem Aufstand nach der offenbar manipulierten Präsidentenwahl vor einem Jahr hat Lukaschenko, der sich vor allem dank der Hilfe Russlands an der Macht halten kann, die Repressionen noch einmal massiv verschärft. Hunderte Oppositionelle sind in Haft, immer wieder gibt es Berichte über Folter. Wer auch nur im geringsten aufbegehrt, hat mit einer harten Reaktion des Staates zu rechnen - wie der Fall von Timanowskaja nun zeigt.

Schon zuvor sind dutzende Sportler, die sich kritisch zum Regime geäußert haben, aus ihren Vereinen rausgeflogen. Nun müssen auch Trainer und Funktionäre, die bisher nicht aufgemuckt haben, bangen. "Wie man bei Olympia sieht, gibt es auch im Sport bei uns eine Fülle von Fragen", hat sich Lukaschenko bereits vor laufenden Fernsehkameras über das schlechte Abschneiden seines Landes bei den Sommerspielen beklagt. Man müsse sich mit den Trainern beschäftigen, die dafür in erster Linie die Verantwortung trügen, fügte der Langzeitherrscher hinzu. Was das genau bedeutet, ist unklar - aber offenbar können sich auch loyale Trainer und Funktionäre nicht mehr sicher fühlen.(klh/apa)