Polen hat der belarussischen Olympionikin Kristina Timanowskaja, die nach eigenen Angaben nach Kritik an Sportfunktionären ihres Landes zur Rückkehr nach Belarus gezwungen werden sollte, ein humanitäres Visum ausgestellt. Die Athletin "steht bereits in direktem Kontakt mit polnischen Diplomaten in Tokio", erklärte Polens stellvertretender Außenminister Marcin Przydacz. "Sie hat ein humanitäres Visum erhalten."

Ministerpräsident Mateusz Morawiecki forderte Konsequenzen für die Führung in Minsk. Er sprach von einem "kriminellen Versuch, eine Sportlerin zu entführen, die kritisch gegenüber dem belarussischen Regime eingestellt ist". Die "Aggression der belarussischen Sicherheitsdienste auf japanischem Gebiet" müsse auf "entschiedenen Widerspruch der internationalen Gemeinschaft stoßen", forderte der polnische Regierungschef am Montagabend in einem Facebook-Beitrag. Morawiecki mahnte, dass die Olympischen Spiele ein Symbol des Friedens und des Fairplays sein sollten.

"Österreich duckt sich nicht weg"

Auch Österreich wäre bereit gewesen, Kristina Timanowskaja aufzunehmen. Außenminister Alexander Schallenberg sagte der Tageszeitung "Die Presse": "Wir haben sie erwartet. Es liegt an ihr, wofür sie sich entscheidet." Die österreichische Botschaft in Tokio sei darauf eingestellt gewesen, der Leichtathletin zu helfen. Doch Timanowskaja habe sich nicht gemeldet. "Österreich duckt sich nicht weg", insistierte Schallenberg demnach.

Kristina Timanowskaja während ihres Laufs in Tokio.  
- © APAweb / AFP, CACACE

Kristina Timanowskaja während ihres Laufs in Tokio. 

- © APAweb / AFP, CACACE

Auch Tschechien und Slowenien hatten Timanowskaja Zuflucht angeboten. Frankreichs Europaminister Clément Beaune hatte sich für politisches Asyl für die 24-Jährige in der EU ausgesprochen. "Das wäre eine Ehre für Europa", sagte er dem Sender RFI. 

Zuvor hatte es Berichte einer Oppositionsgruppe gegeben, wonach Timanowskaja bei der österreichischen Botschaft in Tokio um Asyl anzusuchen versucht. Eine Bestätigung dafür gab es nicht. "Es hat bisher keine Kontaktaufnahme der Sportlerin mit der österreichischen Botschaft in Tokio gegeben", erklärte ein Sprecher des österreichischen Außenministeriums der APA am Sonntagnachmittag. ÖOC-Präsident Karl Stoss sagte, Timanowskaja sei an das UN-Flüchtlingskommissariat vermittelt worden.

 

Aktivist Schischow tot in Kiew aufgefunden

Außerdem wurde heute, einen Tag nach seinem plötzlichen Verschwinden in Kiew, der belarussische Aktivist Witaly Schischow erhängt in einem Park in der ukrainischen Hauptstadt aufgefunden. Die Polizei leitete nach eigenen Angaben ein Ermittlungsverfahren ein. Dabei werde neben anderen Möglichkeiten auch dem Verdacht nachgegangen, dass es sich um einen als Suizid getarnten Mord handeln könnte.

Schischow hatte von Kiew aus die Organisation "Belarussisches Haus der Ukraine" im Messengerdienst Telegram geleitet und war nach einer Joggingrunde am Montag nicht zurückgekehrt. Er wurde daraufhin von einer ihm nahestehenden Person als vermisst gemeldet. Zuvor hatte Schischow Medienberichten zufolge darüber geklagt, sich verfolgt zu fühlen.

Massenproteste

Viele Belarussen fliehen angesichts von Repression in ihrem Heimatland in die benachbarte Ukraine, nach Polen oder Litauen. Der seit fast drei Jahrzehnten regierende belarussische Präsident Alexander Lukaschenko war vor einem Jahr trotz massiver Betrugsvorwürfe zum Sieger der Präsidentschaftswahl erklärt worden. Die Opposition geht von Wahlbetrug aus. Monatelang anhaltende historische Massenproteste in Belarus wurden infolge mit einem massiven Einsatz von Sicherheitskräften niedergeschlagen. Hunderte Menschen wurden verhaftet.

Lukaschenko geht auch im Ausland gegen Oppositionelle vor. Der Präsident ließ Ende Mai mit einem Kampfflugzeug eine Ryanair-Passagiermaschine beim Überflug von Athen nach Vilnius über Belarus abfangen und nach der erzwungenen Landung in Minsk einen bekannten Oppositionellen und dessen Freundin festnehmen. Westliche Staaten haben deshalb Sanktionen gegen die Regierung in Minsk erlassen. (apa, dpa, reuters, afp)