Sport ist dem weißrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko ein großes Anliegen: Gerne präsentiert er sich im Eishockey- oder Fußballdress, der bullige Diktator versucht auf Langlauf-Skiern gute Figur zu machen. Selbstverständlich war er lange Chef des olympischen Komitees seines Landes.

Sport ist ein wichtiges Fundament der Herrschaft des Präsidenten, die Siege weißrusssicher Sportler sind Lukaschenkos eigene Siege. Die Erfolge sollen mithelfen, das Regime zu legitimieren, sie sind eine perfekte Bühne und sollen das Image der letzten Diktatur Europas aufpolieren. "Sport ist kein Kampf mehr, es ist Politik, ein Krieg ohne Regeln", so das Credo Lukaschenkos, der nach eigener Aussage am liebsten selbst Athlet geworden wäre.

Liebkinder des Regimes

Der tschechoslowakische Ausnahmeathlet Emil Zatopek endete 1969 in einer Uranmine. - © afp
Der tschechoslowakische Ausnahmeathlet Emil Zatopek endete 1969 in einer Uranmine. - © afp

Erfolgreiche Sportler sind in Weißrussland generell bessergestellt als der Rest der Bevölkerung, sie werden im Fall eines Sieges bei den derzeitigen Olympischen Spielen mit mehr als großzügigen Prämien belohnt.

Solange sie nicht in die falsche Richtung laufen: Das musste die Leichtathletin Kristina Timanowskaja jetzt erfahren. Sie kritisierte einen ihrer Trainer und wurde unmittelbar, offenbar auf Anordnung von "ganz oben", in ihre Heimat zurückbeordert. Dort sollte sie bestraft werden - in welchem Umfang, bleibt für immer unklar, weil Timanowskaja ein humanitäres Visum in Polen erhielt.

Mittlerweile haben sich in Weißrussland viele Sportler der Protestbewegung gegen Lukaschenko angeschlossen. Sie zahlen einen hohen Preis. Immer wieder werden Nationalspieler - Fußballer, Basketballer und Trainer - auf offener Straße festgenommen, inhaftiert und in den Gefängnissen geschlagen und gefoltert. In einer offiziellen Petition forderten vor einigen Monaten hunderte Sportler Neuwahlen, die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Wer als Athlet das Land nicht verlässt, bekommt keine Bezahlung mehr, wird aus der Nationalmannschaft ausgeschlossen oder unter Druck gesetzt, den Protest öffentlich zu widerrufen.

Vom Helden zum Müllmann

Wobei sich autoritäre Regime stets mit dem sportlichen Erfolg ihrer Athleten geschmückt und Widerspruch unbarmherzig geahndet haben. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs galt es in den kommunistischen Ländern, die Überlegenheit des eigenen Systems mit sportlichen Erfolgen unter Beweis zu stellen. Die Athleten sollten um jeden Preis die Nase vorne haben, in Ländern wie der DDR wurden Leistungssportler vom Staat systematisch zum Doping gezwungen.

Wer die nötige Linientreue vermissen ließ, wurde im Kommunismus als Sportler nicht glücklich. Das musste der tschechoslowakische Langsteckenläufer und Ausnahmeathlet Emil Zatopek erfahren. Er gewann bei den Olympischen Spielen 1948 und 1952 vier Mal Gold und stellte während seiner Karriere 18 Weltrekorde auf. In der CSSR galt er als Volksheld, ein Stadion wurde nach ihm benannt.

Als Zatopek gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte, wurde er 1969 an den Pranger gestellt und musste in Folge als Müllmann arbeiten, war dann Wanderarbeiter in Uranminen. Seine Gesundheit war ruiniert, er verfiel zeitweise dem Alkohol. Dass er nicht inhaftiert wurde, verdankte er den zahlreichen Protestschreiben befreundeter westlicher Sportler.

Propaganda-Spielball

Zuvor waren die Olympischen Spiele 1936 in Berlin für Adolf Hitler die Gelegenheit, der ganzen Welt den vorgeblichen Friedenswillen und vor allem die "Überlegenheit" Deutschlands vor Augen zu führen. Deutsche Athleten holten zwar die meisten Goldmedaillen, zum Star der Spiele wurde aber der schwarze Amerikaner Jesse Owens, der über 100, 200, 4x100 Meter und im Weitsprung siegte. Hitler weigerte sich, Owens zu gratulieren.

Wobei die Nazis vor Augen führten, wie skrupellose Regimes die eigenen Sportler als Spielbälle ihrer Propaganda missbrauchen. Als der unpolitische deutsche Boxer Max Schmeling 1933 gegen den US-Boxer Joe Louis antrat, wurde er von den Nazis zur arischen Hoffnung im direkten Duell mit dem farbigen "Untermenschen" schlechthin hochstilisiert. Vor dem Kampf hieß es in Deutschland, Schmeling wäre das "letzte Bollwerk" gegen eine "große, schwarze Welle im Boxsport".

Die Quote vor dem Kampf war 1:5 gegen Schmeling, von 500 US-Experten tippte nur einer auf den Deutschen. Der Außenseiter siegte durch K. o. in der 12. Runde. Hitler war euphorisch, die NS-Presse meinte, Schmeling habe die Gegner des Nationalsozialismus bezwungen, der Boxer durfte sogar mit Hermann Göring auf die Jagd gehen. Damit war schlagartig Schluss, als Schmeling im Retourkampf K. o. ging. Jetzt hatte Deutschland in den Augen der Nazis mit der Niederlage nichts mehr zu tun, Schmeling fiel in Ungnade. Goebbels gab die Anweisung, dass es sich hier rein um die Niederlage eines gewissen Schmeling gehandelt habe.