Mit dem Heranrücken der deutschen Bundestagswahl gewinnt die SPD mit Kanzlerkandidat Olaf Scholz nach langen Jahren der Schwäche an Aufwind. Die Union mit Kanzlerkandidat Armin Laschet setzte dagegen im ZDF-Politbarometer vom Freitag ihren Abwärtstrend fort. Knapp sechs Wochen vor der Bundestagwahl verloren auch die Grünen mit Annalena Baerbock an Zustimmung: Binnen zwei Wochen büßten sie ihren Fünf-Punkte-Vorsprung auf die SPD ein. Beide Parteien liegen nun gleichauf mit 19 Prozent, die Union führt mit 26 Prozent.

Nimmt man mehrere Umfragen der vergangenen Woche als Grundlage, dann ergeben sich folgende Werte: Union zwischen 22 und 27 Prozent, Grüne zwischen 17,5 und 21 und  SPD zwischen 17,5 und 19 Prozent. 

Wahlforscher Matthias Jung sagte Reuters, Scholz sei "wieder ernsthaft im Rennen". Laschet habe sich dagegen in eine schlechte Ausgangsposition für die heiße Wahlkampfphase manövriert. Der CDU-Politiker bekam aber Unterstützung aus dem eigenen Reihen. Laschet gehe nun in den "Kampfmodus auch als Spitzenkandidat", sagte CDU-Politiker Günter Krings. "Da werden die Umfragen auch wieder nach oben zeigen."

Match um Platz zwei zwsichen SPD und Grünen

Im Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen setzten sich mit den Verlusten der Union und Zugewinnen der SPD Trends anderer Umfragen fort. Die Sozialdemokraten hätten bei der Bundestagswahl am 26. September "eine realistische Chance, die Grünen zu überrunden", sagte Jung von der Forschungsgruppe. Damit hätte die SPD eine Machtoption. "Das ist letztlich die einzige Möglichkeit für Scholz, Kanzler zu werden in einer Dreierkoalition mit den Grünen und der FDP." Das sei nur eine Momentaufnahme: "Da kann noch sehr viel Bewegung stattfinden."

Im ZDF-Politbarometer verlieren Laschet und Baerbock auch bei der Frage nach ihrer Kanzlereignung. Am liebsten hätten demnach 44 Prozent (plus zehn) Scholz als Kanzler, gefolgt von Laschet, für den sich 21 Prozent (minus acht) aussprechen. 16 Prozent (minus vier) sind für Annalena Baerbock.

Scholz profitiert nach Einschätzung von Jung von den Fehlern seiner Konkurrenten, die unter einem Imageverlust leiden. "Laschet hat sich selbst in diese Situation hineinmanövriert", sagte Jung. Er habe sehr viele negativ wahrgenommene Auftritte gehabt. "In der Kombination mit Baerbock haben beide Konkurrenten von Scholz in der bisherigen Wahlkampfphase in einem nicht zu erwartenden Maße gepatzt."

Der Aufschwung für die SPD könnte gerade zur rechten Zeit kommen, da in der kommenden Woche der Versand der Wahlbenachrichtigungen beginnt und somit die Briefwahl anläuft. Im Politbarometer steht die SPD derzeit so gut da wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Experten erwarten dieses Jahr einen besonders hohen Anteil von Briefwählern.

Für Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock geht nun der Intensivwahlkampf los. 
- © afp / Ronny Hartmann

Für Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock geht nun der Intensivwahlkampf los.

- © afp / Ronny Hartmann

Die Parteien starten nun in die heiße Wahlkampfphase. Die Grünen hatten sie am Montag in Hildesheim eingeläutet, für die SPD gibt Scholz am Samstag in Bochum den Startschuss. Laschet besuchte in den vergangenen Tagen Ostdeutschland: Am Freitag stand ein öffentlichkeitswirksames Treffen mit dem Chef des Elektroautobauers Tesla, Elon Musk, auf dem Programm.

FDP könnte Zünglein an der Waage sein

"Die Umfragewerte spiegeln sich nur bedingt wider in den Gesprächen, die ich mit den Bürgern führe", sagte Krings, der Chef der CDU-Bundestagsabgeordneten aus Nordrhein-Westfalen. "Da gibt es auch viel Zuspruch." Laschet habe als nordrhein-westfälischer Ministerpräsident den Schwerpunkt zuletzt auf die Fluthilfe gesetzt. "Alles andere wäre auch in der Öffentlichkeit, nicht nur in NRW, nicht verstanden worden. Und jetzt geht er in den Kampfmodus auch als Spitzenkandidat." Nach Stand der Umfragen könnte die FDP bei der Regierungsbildung eine gewichtige Rolle spielen. "Wenn keine Zweier-Koalition mehrheitsfähig ist, wird die FDP in ihre ganz alte Rolle zurückfallen können, dass sie das Zünglein an der Waage ist, ob sie Jamaika oder einer Ampel-Koalition zu einer Mehrheit verhilft", sagte Jung.

Scholz zeigte sich in einem "Spiegel"-Interview für die FDP aufgeschlossen, ohne sich für eine Koalition auszusprechen. In Teilen der SPD wird ein rot-rot-grünes Bündnis mit der Linken bevorzugt, das in Umfragen derzeit aber keine rechnerische Mehrheit hat. Sein Verhältnis zu FDP-Chef Christian Lindner bezeichnete Scholz als "gut". Und er ließ Verständnis anklingen, dass die FDP 2017 Sondierungsverhandlungen mit Union und Grünen platzen ließ: "Nach meinem Eindruck haben Union und Grüne damals zu zweit verhandelt und gedacht, die FDP brauche nur noch zu unterschreiben. Das war nicht klug und kein Ausweis besonderer Regierungskunst."  (reuters)