Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat eingestanden, dass man auch in Berlin die Entwicklung in Afghanistan falsch eingeschätzt hat. "Das ist eine überaus bittere Entwicklung", sagte die Kanzlerin am Montagabend. "Bitter, dramatisch und furchtbar ist diese Entwicklung ganz besonders für Afghanistan", fügte sie hinzu. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte vor einem Wiedererstarken des internationalen Terrorismus.

Man habe wie viele andere nicht damit gerechnet, dass die Taliban das Land so schnell kontrollieren und die afghanische Armee praktisch keinen Widerstand leisten werde, sagte Merkel. Sie betonte, dass 1.900 der 2.500 zunächst identifizierten afghanischen Ortskräfte das Land bereits nach Deutschland oder sichere Drittländer gereist seien. Zuvor hatten die Kanzlerin und Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer betont, man werde sich bemühen, so viele Menschen wie möglich aus dem Land auszufliegen. Sowohl die Kanzlerin als auch SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich sowie die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sprachen von der Notwendigkeit, mehr als 10.000 Menschen aus der afghanischen Hauptstadt auszufliegen, denen Repressalien durch die Taliban drohen. Dazu sollen auch Politikerinnen, Menschenrechtler oder afghanische Journalisten zählen.

"Afghanistan darf nicht wieder zu dem Refugium für den Terrorismus werden, das es einmal war", sagte Macron am Montagabend in einer Fernsehansprache in seiner Sommerresidenz Fort de Brégançon am Mittelmeer. Dafür müssten sich Russland, die USA und Europa gemeinsam einsetzen, forderte er.

EU-Initiative gegen Flüchtlingskrise

Macron kündigte zudem eine gemeinsame EU-Initiative mit Deutschland gegen die erwartete Flüchtlingskrise an. "Die Destabilisierung Afghanistans birgt das Risiko, illegale Flüchtlingsströme nach Europa hervorzurufen", sagte der französische Staatschef. Er hatte sich nach Angaben des Pariser Elysée-Palastes zuvor telefonisch mit Merkel und anderen westlichen Regierungschefs über die Lage ausgetauscht.

Ungeachtet der chaotischen Lage am Flughafen Kabul will Frankreich nach seinen Worten "in den kommenden Stunden" zwei Militärflugzeuge nach Afghanistan schicken. Sie sollen nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Paris französische Botschafts-Mitarbeiter und afghanische Ortskräfte sowie Menschenrechtler und Journalisten ausfliegen. Nach Angaben Macrons hat Frankreich bisher "fast 800" afghanische Ortskräfte aufgenommen. Sein Land schulde diesen Menschen Hilfe in der Krise, betonte der Staatschef.

"Informelle Kontakte zu Taliban wichtig"

Unterdessen plädierte der außenpolitische Sprecher des ÖVP-Parlamentsklubs, Reinhold Lopatka,  für die schnelle Aufnahme informeller Kontakte zwischen Europa und den neuen afghanischen Machthabern ein, um ihnen gegenüber die Wichtigkeit humanitärer Fragen zu verdeutlichen. Lopatka, der selbst 1988 illegal nach Afghanistan gereist war und Kontakt zu den Vorläufern der heutigen Taliban hatte, betonte, dass von einer diplomatischen Anerkennung der Gruppierung dabei aber keine Rede sein solle.

"Es mag absurd klingen: Aber das Wichtigste wäre, dass man sich sofort und über beliebige Kanäle bemüht, mit den neuen Machthabern ins Gespräch zu kommen", sagte der ÖVP-Politiker am Montagabend .

Klar sei, dass derartige Kontakte nicht auf Regierungsebene laufen könnten. Es gelte aber, Bereitschaft zu signalisieren und schließlich in einen Dialog zu treten, damit nicht alles verloren gehe, was aus westlicher Sicht als Fortschritt für Afghanistan wahrgenommen worden sei, erläuterte er. "Das Ärgste wäre, dorthin zurückzukehren, wo die Taliban seinerzeit (2001, Anm.) aufgehört haben", sagte der Politiker.

"Sollte der Westen den Kontakt völlig abbrechen und es keinen Dialog geben würde, wäre dies schrecklich", betonte Lopatka. Denn China und Russland würden sich in ihren jeweiligen Kontakten zu den Taliban wohl wenig für Menschenrechtsfragen, für Frauen- und Kinderrechte engagieren. (APA/Reuters/AFP)