In den langen Jahren des Regierens sind sie sich näher gekommen, als ihnen lieb sein dürfte. Seit 16 Jahren mühen sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Russlands Präsident Wladimir Putin aneinander ab. Über all die Jahre ertrug die Kanzlerin Putins Mischung aus Kraftmeierei und Charme mit jener spöttischen Distanziertheit, die sie sich für den Umgang mit allzu eitlen Männern angeeignet hat.

Merkel ließ Putins Provokationen ins Leere laufen, sie nahm seine Machtspielchen hin und ließ doch das Gespräch nie abreißen, egal wie schlecht das Verhältnis gerade war. Am Freitag fährt Merkel noch einmal in den Kreml, zu ihrem wahrscheinlich letzten Besuch.

Ungleiches Paar

Merkel und Putin - ein ungleiches Paar. Gut waren ihre Beziehungen nie, aktuell befinden sie sich in einem Zustand fortschreitender Entfremdung. Vertrauen ist zwischen beiden nicht gewachsen - eher eine Art Respekt, der darauf beruht, das beide wissen, was sie vom anderen zu erwarten haben.

Der FDP-Außenexperte Alexander Graf Lambsdorff, ein langjähriger Kenner der deutsch-russischen Beziehungen, hält Merkel zugute, dass der Machtpolitiker Putin sie als Partnerin auf gleicher Augenhöhe akzeptiert hat. "Mit Sicherheit hat sich die deutsche Kanzlerin in ihrer 16-jährigen Amtszeit viel Respekt verschafft, auch beim russischen Präsidenten Putin", sagt Lambsdorff zu AFP.

Der russische Außenexperte Fjodor Lukjanow, Chefredakteur des Moskauer Fachmagazins "Russia in Global Affairs", sieht es ähnlich. "Auf eine gewisse Weise ist Merkel ihm nahe, die beiden haben schon so viel zusammen gemacht", sagt er zu AFP. Bei allen Differenzen: Putin werde Merkel am Freitag zum Abschied einen "warmen Empfang" bereiten, prophezeit Lukjanow.

Putin kann durchaus charmant sein im Verhältnis zur Kanzlerin. Mal überreicht er ihr Blumen, mal hilft er ihr in den Mantel. Wenn er sie freilich mal ärgern will, erschreckt er sie mit einem Hund - so geschehen 2007 mit seinem Labrador "Koni".

"Ich vertraue ihr, sie ist ein sehr offener Mensch", sagte Putin vor einigen Jahren über Merkel. "Sie bemüht sich ehrlich darum, die Krisen beizulegen." Von der Kanzlerin sind ähnliche Äußerungen über Putin nicht bekannt.

Was Merkel persönlich von ihm denkt, behält sie für sich. Wenn sie ihm öffentlich Grenzen aufzeigen will, tut sie dies mit kühlem Spott - etwa 2012, als Putin bei einer gemeinsamen Veranstaltung verärgert über kritische Journalisten herzog und Merkel dem Kreml-Herrn trocken entgegnete: "Wenn ich immer gleich eingeschnappt wäre, könnte ich keine drei Tage Bundeskanzlerin sein." Das saß.

Höchste Diplomatie

Auch wenn politisch mit Putin oft nicht viel ging - Merkel setzte immer auf das Gespräch. Bei einem früheren Besuch in Moskau formulierte sie es einmal so: "Unsere Freundschaft wird nicht besser, wenn wir alles unter den Teppich kehren und nicht darüber diskutieren." Und wenn Merkel dann Themen wie Menschenrechte und Pressefreiheit unter dem Teppich hervorholte, reagierte Putin gerne mal demonstrativ genervt.

Geredet hat Merkel gewiss sehr viel mit Putin - der Besuch in Russland am Freitag ist ihr zwanzigster. Beim Reden hat sie allerdings wenig erreicht, moniert FDP-Politiker Lambsdorff: "Es ist Kanzlerin Merkel nicht gelungen, eine westliche Antwort auf das geopolitische Machtspiel und die gezielten Fake-News-Kampagnen Russlands zu entwickeln, die unser Wertesystem nachweislich stark beschädigen."

Was bleibt also vom Verhältnis der beiden? Wohl zumindest die Erkenntnis, dass es ein solches deutsch-russisches Duo nicht mehr geben wird. Beide sprechen die Sprache des jeweils anderen. Sie teilen die Erfahrung mit dem Leben in der untergehenden DDR, in der Putin als KGB-Offizier diente. Und allein die schiere Dauer ihrer Machtausübung sorgte dafür, dass die beiden zuletzt eine Sonderstellung auf der Weltbühne einnahmen. (apa, afp)