Vier US-amerikanische, vier französische, sechs polnische, fast zehn italienische: So viele Staats- und Regierungschefs hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im Laufe ihrer Amtszeit erlebt. Doch ein Gegenüber blieb konstant: Russlands Präsident Wladimir Putin bestimmt die Politik des Kreml noch länger als Merkel an der Spitze der Regierung in Berlin steht. Die beiden haben einander oft getroffen, noch öfter miteinander telefoniert und teils zäh verhandelt. Einmal zogen sich die Gespräche sogar über 17 Stunden. Das war Anfang 2015, als Russland, die Ukraine, Deutschland und Frankreich in Minsk um ein Waffenstillstandsabkommen für die Ukraine rangen.

Die Ukraine ist denn auch ein Thema, das die Kluft zwischen Moskau und Berlin besonders offenbart. Nachdem der bewaffnete Konflikt in dem osteuropäischen Land ausgebrochen war, war Deutschland schnell zu Sanktionen gegen Russland bereit - so zögerlich es in anderen Fällen bei der Verhängung von Strafmaßnahmen sein kann. Ansonsten war Deutschlands Russland-Politik stark von Pragmatismus geprägt und teils von gemeinsamen Interessen getrieben, wie etwa beim Bau der Pipeline Nord Stream 2. Das Projekt war vor allem in osteuropäischen EU-Staaten auf viel Widerstand gestoßen - und das mag mit ein Grund für den Dämpfer gewesen sein, den Merkel gemeinsam mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron Ende Juni hinnehmen musste. Der Vorschlag der beiden, einen Gipfel mit Russland abzuhalten, wurde von anderen EU-Mitgliedern abgelehnt.

Merkel: Nawalny freilassen

Dennoch wird die Kanzlerin nicht müde, zu betonen, dass der Dialog mit dem Kreml aufrechtzuerhalten sei. Das wiederholte sie ebenfalls am Freitag bei ihrem wohl letzten Besuch bei Putin. Doch räumte sie gleichzeitig ein, dass das Treffen in eine Zeit fällt, in der die zwei Länder "durchaus tief greifende Differenzen haben".

Am Tag der Zusammenkunft jährte sich nämlich nicht nur die Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny, der später in einem Krankenhaus in Berlin behandelt wurde und jetzt in einem russischen Straflager inhaftiert ist. Auch belasten Vorwürfe, die Moskau zurückweist, das Verhältnis: Russland sieht sich zu Unrecht in die Verantwortung genommen für den Mord an einem Georgier in Berlin und den Hackerangriff auf den Deutschen Bundestag 2015.

Nawalny stand daher auch auf der Agenda des Treffens am Freitag. Sie habe gefordert, den Aktivisten freizulassen, berichtete Merkel. Ebenso habe sie darauf gedrängt, den Gas-Transitvertrag mit der Ukraine zu verlängern.

Zur Sprache kam allerdings ebenso Afghanistan. So hat Merkel Russland gebeten, in Gesprächen mit den Taliban auf die Möglichkeit zur Evakuierung afghanischer Ortskräfte hinzuwirken. Deutschland werde alles daran setzen, in den kommenden Tagen so viele Menschen wie möglich auszufliegen, sagte die Kanzlerin.

Putin wiederum mahnte, die Realitäten in Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban zu akzeptieren. Schließlich kontrollierten die Islamisten den größten Teil des Landes, erklärte er. Gleichzeitig meinte der Präsident, dass es kontraproduktiv sei, den Menschen in Afghanistan eine bestimmte Ordnung überstülpen zu wollen. Beide Politiker befanden, dass Gespräche mit den Taliban aufgenommen werden müssen.

Ende einer Ära

Merkels Abschiedsbesuch markiert auch das Ende einer Ära in den deutsch-russischen Beziehungen, wie es sie wohl nicht mehr so schnell wieder geben wird. Allein schon wegen der persönlichen Konstellation: Die beiden Politiker beherrschen die Sprache und kennen das Land des jeweils anderen, sie haben beide in der DDR gelebt. Vom Typus jedoch sind sie grundverschieden. Putin, nicht frei von Eitelkeit, inszeniert sich gern als Macho. Merkel quittiert das souverän mit ihrer Distanziertheit, lässt Provokationen ins Leere laufen. Sogar ihre Angst vor Hunden ließ sie sich kaum anmerken, als Putin sie 2007 bei einem Gespräch mit seinem Labrador erschreckte.

Jedoch kann der russische Präsident auch seinen Charme spielen lassen. Am Freitag gab es ein strahlendes Lächeln zum Empfang - und einen Blumenstrauß für die Kanzlerin.(czar/reuters/afp)