Der Kremlgegner Alexej Nawalny meldet sich aus der Gefangenschaft zu Wort: In einem Interview mit der "New York Times" erzählt er in sarkastischem Ton über die Bedingungen seiner Inhaftierung. Psychoterror durch Propagandafilme und Gehirnwäsche sei auf dem Tagesprogramm, erklärt Nawalny: "Stellen Sie sich ein chinesisches Arbeitslager vor. Jeder läuft in Reih und Glied, alle werden konstant überwacht, überall sind Videokameras. Es herrscht eine Kultur der Spitzelei."

Die Tage der harten Arbeit in den Gulags seien vorbei: Stattdessen überwachen "tätowierte Muskelpakete" die Gefangenen, während diese dazu gezwungen sind, stundenlang das Staatsfernsehen zu verfolgen - eine andere Beschäftigung, wie schreiben oder lesen, ist während dieser Zeit nicht erlaubt: "Du musst auf einem Stuhl sitzen und auf den Fernseher schauen." Angriffe anderer Inhaftierter habe er bis jetzt keine erlebt. Im Gegenteil, er habe viel Spaß und bereite sogar "Snacks" mit den Männern zu.

Im Hinblick auf die Zukunft des Putin-Regimes ist er positiv gestimmt, denn "früher oder später" werde dieses enden und "Russland einen demokratischen und europäischen Entwicklungsweg einschlagen - weil die Menschen es so wollen."

Weitere Kritik äußerte Nawalny an einigen EU-Staaten und den USA, da verhängte Sanktionen eher die Bürger beeinträchtigen würden als die Machthaber. Der Oppositionelle war seit seiner Inhaftierung nicht untätig und betrieb seinen Aktivismus über Social Media und mithilfe von Briefen an große Medienhäuser.

Nawalny ist einer der schärfsten Gegner von Präsident Wladimir Putin, dessen Partei "Einiges Russland" bei den Duma-Wahlen im Herbst Stimmenverluste vorausgesagt werden. Nawalny war im Februar zu mehreren Jahren Haft verurteilt worden, weil er gegen Bewährungsauflagen in einem früheren Strafverfahren verstoßen haben soll, während er sich in Deutschland von einem Mordanschlag erholte. Im Sommer 2020 war er auf einem Flug zusammengebrochen, woraufhin Spuren eines in der Sowjetunion entwickelten Nervengifts in seiner Blutbahn gefunden wurden. Das Urteil wurde international vielfach als politisch motiviert kritisiert.(apa)