Die Pensionistin Marie ist so aufgebracht, dass sie ein Fernseh-Team zu sich in die Wohnung gelassen hat. "Hier war Rayannes Platz", sagt sie und deutet vor einen Flachbildschirm. "Hier saß er und spielte seine Videospiele. Und da liegen seine Schulhefte: Kommende Woche sollte er wieder in der Klasse sitzen."

Doch der 14-jährige Rayanne, Maries Enkel, hat diese Ferien nicht überlebt. Vor eineinhalb Wochen wurde er von Männern auf einem Moped erschossen, als er mit einem gleichaltrigen Freund abends vor der Wohnsiedlung herumstand. Sein Freund, den zwei Kugeln trafen, überlebte verletzt, ebenso wie ein achtjähriges Kind, das sich gerade aus dem Fenster des Autos seiner Eltern gebeugt hatte und von einem Metallsplitter an der Stirn getroffen wurde.

"Ich habe noch zu ihm gesagt: Rayanne, bleib hier, geh nicht runter", erzählt die Großmutter. Alle Eltern hier hätten Angst um ihre Kinder. Denn in ihrem Wohnviertel im Norden von Marseille befindet sich ein Drogenumschlagplatz. Die Polizei geht davon aus, dass Rayanne und sein Freund Wache stehen sollten - und zur Zielscheibe von Rivalen ihrer Auftraggeber wurden. "Die Justiz ermittelt noch, aber es erscheint ziemlich klar, dass der Krieg um lukrative Drogendeal-Plätze einer der Gründe für bewaffnete Angriffe wie diesen ist", konstatierte Innenminister Gerald Darmanin. Erst vor kurzem hatte er noch in der Hafenstadt die "exzellenten Ergebnisse" der Polizei im Kampf gegen den Drogenhandel gelobt.

Rayanne war das 14. Opfer von Banden-Rivalitäten in Marseille allein in diesem Jahr. Vergangenes Wochenende gab es drei weitere Tote im Alter von 25, 26 und 27 Jahren: Zwei der Männer wurden ebenfalls in einem der Nord-Viertel mit mehreren Schüssen aus Kalaschnikows und Pistolen von zwei Autos aus getötet. Nur eine Stunde später wurde ein dritter Mann auf der Straße gekidnappt und in einen Kofferraum gesteckt, wie Nachbarn der Polizei berichteten.

"Ich habe nichts gemacht", soll er noch gerufen haben. Eineinhalb Kilometer vom Tatort entfernt wurde später seine halb verkohlte Leiche in dem ausgebrannten Auto gefunden. Der Mann war erschossen worden, auch die Tatwaffen lagen in dem Fahrzeug.

Medien zitieren Polizeikreise, denen zufolge es sich um ein typisches Vorgehen für die Bandenkriminalität in Marseille handelte, um Spuren zu verwischen. Das Opfer wurde bereits zwölf Mal wegen Drogendelikten verurteilt. Auch die anderen beiden Getöteten waren polizeibekannt.

Lukratives Geschäft

Seit Jahren liefern sich rivalisierende Banden in Frankreichs zweitgrößter Stadt brutale Drogenkriege mit etlichen Toten. Das Geschäft ist einträglich: Laut der Lokalzeitung "La Provence" bringt es zwischen 60.000 und 100.000 Euro pro Tag ein. 156 Drogen-Verkaufsplätze gibt es demnach in der Stadt - doppelt so viele wie Post-Büros. Viele davon befinden sich in den verrufenen Nord-Vierteln. Die Zeitung "Le Monde" zitiert Ermittler, denen zufolge viele Gangsterbosse in Dubai oder anderen Städten im Ausland sitzen und aus der Entfernung "eine Art Schachspiel" mit lebenden Zielen betreiben, deren Tötung sie beauftragen. Manche von ihnen sind noch Kinder.

"Als 2010 das erste Mal ein 16-Jähriger getötet wurde, glaubten wir an einen isolierten Donnerschlag", sagt ein Erzieher. "Heute sieht man, dass es der Anfang einer Serie mit immer jüngeren Opfern war." Polizei und Politik bekommen die Lage nicht in den Griff. Sebastien Barles, Grünen-Politiker und stellvertretender Bürgermeister, schlug nun die Legalisierung von Cannabis als effektives Mittel im Kampf gegen den Drogenhandel vor. Unter der aktuellen Regierung erscheint dies unwahrscheinlich.

Die Abgeordnete Alexandra Louis fordert Investitionen in Bildung und die Entwicklung der Nord-Viertel. Ihr zufolge ist aufgrund der Armut die Lage in Marseille dramatischer als in anderen Städten: "Das bietet dem Handel ein fruchtbares Gelände, um einen Teil seiner Bewohner davon leben zu lassen. Manchmal ganze Familien."