Wie schnell sich der Wind drehen kann: Galt die SPD noch vor ein paar Monaten als Auslaufmodell einer Partei, sehen sie nun Unfragen in Deutschland in Front. Gut drei Wochen vor der Bundestagswahl hat die SPD laut ZDF-"Politbarometer" erneut deutlich zugelegt und liegt klar vor der CDU/CSU. Wenn schon am nächsten Sonntag gewählt würde, bliebe die Union bei 22 Prozent, ihrem bisher niedrigsten Wert in dieser Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen. Die SPD könnte gegenüber der Vorwoche um drei Prozentpunkte zulegen und wäre mit 25 Prozent in dieser Projektion erstmals seit September 2002 stärkste Kraft.

Die lange sehr starken und kurzzeitig sogar führenden Grünen würden dagegen drei Punkte verlieren und kämen nur noch auf 17 Prozent.

Ihren Aufschwung verdankt die SPD vor allem ihrem Spitzenkandidaten Olaf Scholz: Der oft spröde Finanzminister aus Hamburg hängt die anderen Kanzlerkanidaten bei den Beliebtheitswerten klar ab.

Sein positiver Bewertungstrend setzte sich sowohl bei der Kandidatenpräferenz als auch bei der Kanzlereignung fort. Am liebsten hätten 53 Prozent (plus vier) Scholz als Kanzler, den CDU/CSU-Bewerber Armin Laschet wünschen sich 18 Prozent (plus eins) und die Grünen-Anwärterin Annalena Baerbock 14 Prozent (minus zwei).

Laschet wird Kanzlerschaft nicht zugetraut

Während die SPD-Anhänger nahezu geschlossen hinter Scholz stehen (92 Prozent), fällt die Unterstützung der CDU/CSU-Anhänger für Laschet (53) und der Grünen-Anhänger für Baerbock (66) verhaltener aus.

Insgesamt trauen Scholz nach 65 Prozent vor einer Woche jetzt bereits 70 Prozent das Amt zu (nicht geeignet: 25 Prozent). Für nur 25 Prozent kann Laschet Kanzler, rund 70 Prozent betrachten ihn für dieses Amt als ungeeigent. Das sind für den Kanzlerkandidaten einer Regierungspartei dramatische Werte. Für 23 Prozent (plus eins) ist  Baerbock als Kanzlerin geeignet, (nicht: 71). Der zu 100 Prozent fehlende Rest war sich jeweils unsicher.

Merz in Laschets Wahlkampfteam

Im Kampf gegen die sinkenden Umfragewerte stellte Laschet nun am Freitag ein achtköpfiges Wahlkampfteam vor. Ihm gehört unter anderem der als konservativ geltende Wirtschaftspolitiker Friedrich Merz an, ein früherer Chef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Zu dem sogenannten Zukunftsteam gehören außerdem Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), der Terrorismusexperte Peter Neumann, Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien, die sächsische Kultusministerin Barbara Klepsch, CDU-Vize Silvia Breher, der stellvertretende CDU/CSU-Fraktionschef Andreas Jung sowie der Bundestagskandidat und Musikmanager Joe Chialo (alle CDU).

Über die Kandidatur von Laschet hat sich ein Schatten gelegt. 
- © APAweb / AFP / John MacDougall

Über die Kandidatur von Laschet hat sich ein Schatten gelegt.

- © APAweb / AFP / John MacDougall

Laschet hatte mehrfach in den vergangenen Wochen betont, dass er kein Schattenkabinett aufstellen wolle, weil es CDU-Minister in der amtierenden Bundesregierung gibt. Er hatte allerdings ein Team angekündigt, von dem lange nur Merz als Mitglied bekannt war. Die Union will damit auch die SPD unter Druck setzen, die im Wahlkampf vor allem auf Scholz setzt. "Ich freue mich zu sehen, welche weiteren Persönlichkeiten denn die SPD aufzubieten hat", sagte Laschet. Die SPD verstecke ihr Personal.

Selbst Linksbündnis derzeit möglich

Was die anderen Parteien betrifft, könnte die rechtspopulistische AfD unverändert mit elf Prozent rechnen. Die FDP (Liberale) könnte einen Punkt zulegen auf elf Prozent, die Linke ebenfalls auf sieben Prozent. Die anderen Parteien zusammen lägen bei sieben Prozent (minus zwei), darunter keine Partei, die mindestens drei Prozent erreichen würde.

Damit gäbe es eine ganz knappe Mehrheit für eine SPD-geführte rot-schwarze Koalition. Reichen würde es unter SPD-Führung für ein Bündnis mit Grünen und FDP oder mit Grünen und Linkspartei. Mit Warnungen vor einem derartigen Linksbündnis versucht derzeit die Union ihre Anhänger zu mobilisieren. Eine CDU/CSU-Führung wäre nur in einem Bündnis mit Grünen und FDP möglich.

Grundsätzlich spiegeln Wahlumfragen nur das Meinungsbild zum Zeitpunkt der Befragung wider und sind keine Prognosen auf den Wahlausgang. Sie sind außerdem immer mit Unsicherheiten behaftet. Unter anderem erschweren nachlassende Parteibindungen und immer kurzfristigere Wahlentscheidungen den Meinungsforschungsinstituten die Gewichtung der erhobenen Daten.

Allerdings deckt sich das "Politbarometer" mit dem Trend, den andere Institute zuletzt ermittelt hatten - sowohl bei den Parteiwerten als auch den Einschätzungen zu den Kandidaten.

Nach der Wahl am 26. September wird es in jedem Fall einen Wechsel an der deutschen Regierungsspitze geben, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht mehr antritt. (red, apa)