Als "Blaues Wunder" bezeichnen die Dresdner eine ihrer Brücken über die Elbe. Die elegante Stahlkonstruktion aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert ist einer der meistfotografierten Orte in Sachsens Hauptstadt. An Wochenenden herrscht stets reges Treiben, wenn der Markt am Fuße der Brücke öffnet. Diesen Samstag gibt es neben Obst, Fisch, Wurst und Käse noch ein zusätzliches Angebot: das Corona-Vakzin von Johnson & Johnson. Mit derartigen Aktionen soll die Impfquote in die Höhe getrieben werden. Die Bundesregierung rief sogar eine eigene Kampagne aus. Sie dauert bis Ende kommender Woche und soll bewirken, dass Deutschland in Herbst und Winter nicht ein blaues Wunder anderer Art erlebt.

Um sicher durch diese Zeit zu kommen, brauche es "noch fünf Millionen Impfungen und mehr", sagt Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Bisher sind 51,5 Millionen Bürger vollständig geimpft, erst 62 Prozent der Bevölkerung. "Die Impfquote ist noch zu niedrig, um eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern", warnt Spahn.

Welche Rolle spielt die AfD?

Das eigentliche Ziel einer Immunisierung von 80 Prozent scheint derzeit illusorisch. Weit in die Ferne gerückt ist es insbesondere im Osten der Bundesrepublik. Mit Ausnahme von Berlin liegen alle weiteren fünf Bundesländer - Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - teils deutlich unter dem Bundesschnitt. Sachsen bildet gar das Schlusslicht, nur 53 Prozent sind im Freistaat vollständig geimpft - um 19 Prozentpunkte weniger als beim Spitzenreiter Bremen.

Dank zusätzlicher Angebote wie Impfbusse soll auch im Osten Deutschlands die Impfquote steigen. - © dpa / Robert Michael
Dank zusätzlicher Angebote wie Impfbusse soll auch im Osten Deutschlands die Impfquote steigen. - © dpa / Robert Michael

Der Ost-Beauftragte der Bundesregierung, der CDU-Politiker Marco Wanderwitz, sieht einen Zusammenhang zwischen Impf-Skepsis sowie -Ablehnung und der traditionellen Stärke der AfD im Osten. Dort erreichen die Nationalpopulisten - mit Ausnahme von Berlin - bei Landtagswahlen mehr als 20 Prozent. "Sämtliche AfD-Funktionäre leugnen Corona und raten vom Impfen ab. Das bedeutet in der Folge, dass sich der durchschnittliche AfD-Wähler nicht impfen lässt", sagt der Sachse. Und am stärksten ist die AfD in Sachsen, wo die Impfquote am niedrigsten ist.

Die AfD verwahrt sich gegen Wanderwitz’ Darstellung und sieht sich als einzige Partei, die "für die Freiheit für alle Bürger, egal ob geimpft oder ungeimpft" eintritt, so Alice Weidel, Spitzenkandidatin bei der Bundestagswahl in zwei Wochen. Sie lehnt unterschiedliche Zutrittsregelungen je nach Impfstatus ab.

Daten für sämtliche östliche Bundesländer sind zwar nicht verfügbar. Für Sachsen stellten Forscher der TU-Dresden in einer Studie im Juni aber fest, dass in Regionen mit höheren AfD-Wähleranteilen auch die Impfskepsis verbreiteter ist. In Brandenburg sagten laut einer ARD-Umfrage vom Mai ein Drittel der AfD-Anhänger, dass sie sich auf keinen Fall impfen lassen wollen.

Die geringe Impfquote könnte auch mit den niedrigen Inzidenzen im Osten zusammenhängen. Während im Bundessschnitt 84 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern zu verzeichnen sind, zählt Sachsen nicht einmal 38. Bürger könnten daher im Sommer die Dringlichkeit der Impfung unterschätzt haben. Umgekehrt kämpft das Impf-Musterland Bremen mit der höchsten Inzidenz von 124.

Länder verschärfen Maßnahmen

Einen weiteren Erklärungsversuch hat Sachsens Sozialministerium parat. Aufgrund der niedrigen Fallzahlen habe es geringere Testpflichten gegeben. Wie schnell jedoch die gemeldeten Corona-Fälle steigen können, zeigte sich im vergangenen Jahr im Besonderen im Osten, in Thüringen und Sachsen. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, der sich damals gegen die strenge Lockdown-Politik von Angela Merkel gestellt hatte, gestand später freimütig ein: "Die Kanzlerin hatte recht, und ich hatte unrecht."


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Seit dieser Woche läuft in allen Ost-Bundesländern wieder der Schulbetrieb, die Infektionen werden vermutlich rasch steigen. "Ich fürchte, es wird dann kein Halten geben und wir werden ähnlich dramatische Verhältnisse haben wie im vergangenen Herbst", sagt Wanderwitz zur Funke Mediengruppe.

Eine schlechtere Großwetterlage könnte die Impfbereitschaft allerdings erhöhen. Neben dem Hoffen auf freiwillige Verabreichung des Vakzins setzen die deutschen Bundesländer auch auf striktere Maßnahmen. Sie prüfen, ob Ungeimpfte, die sich in Quarantäne befinden, nicht mehr staatlichen Ersatz für entgangenen Lohn erhalten. Nordrhein-Westfalen kündigte am Freitag an, eine entsprechende Regel trete mit 11. Oktober in Kraft. Im Osten wälzt ein Bundesland ähnliche Pläne: das rot-schwarz regierte Mecklenburg-Vorpommern.