Oslo. Nach acht Jahren konservativ geführter Rechtsregierung ist es in Norwegen wieder Zeit für einen Wechsel. Nach dem Sieg des vom Sozialdemokraten Jonas Gahr Störe geführten Mitte-Links-Blocks sieht es so aus, als bekäme das skandinavische Land mit den großen Ölvorkommen die von Gahr Störe proklamierte "Traumregierung". Soll heißen: eine Koalition aus der sozialdemokratischen Arbeiderpartiet, der Zentrumspartei und der Sozialistischen Linkspartei.

Störes Ziel war es, nicht von den beiden weit links stehenden "Roten" und der Grünen Umweltpartei abhängig regieren zu können. Dennoch kündigte der 61-jährige Wahlsieger noch am Montag an, mit allen Parteien reden zu wollen.

Zwar wird es in den Bereichen Klimapolitik, Umverteilung und Zukunft der Ölförderung ein paar Nüsse zu knacken geben, die ganz großen Streitereien dürfte sich Störe mit dem voraussichtlichen Wahlergebnis - einer sicheren Parlamentsmehrheit von 89 der 169 Sitze - jedoch nun ersparen.

Fallstrick Corona

Ein Grund für die deutliche Schlappe der bisherigen Regierungsparteien könnte die aktuelle Corona-Situation in Norwegen sein. Diese entwickelte sich in den vergangenen Wochen ähnlich ungünstig wie in Österreich. Norwegen weist nun die höchste Infektionsrate aller nordeuropäischen Staaten auf. Die Behörden mussten bei der Stimmabgabe am Wahltag besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen. Andererseits ist ein Regierungswechsel nach spätestens zwei Legislaturperioden seit Beginn der 1960er Jahre in Norwegen die Regel.

Mit der neuen Regierung dürfte Norwegen auf einen schärferen Klimakurs einschwenken, zumindest ließ Störe das im Wahlkampf durchblicken. Auf den Goldesel Erdöl mittelfristig zu verzichten, wird sich aber auch "Super-Jonas", wie ihn die Medien früher gerne nannten, trotz aller grünen Vorsätze wohl nicht leisten können.

In außenpolitischen Belangen könnte Norwegen in der kommenden Regierungsperiode wieder eine aktivere Rolle spielen als zuletzt. Störe machte von 2005 bis 2012 als norwegischer Außenminister mit einer kantigen Nahost-Politik inklusive Hamas-Anerkennung auf sich aufmerksam. Auch gelang ihm gemeinsam mit seinem Amtskollegen Sergej Lawrow die Lösung etlicher Nachbarschaftsprobleme mit Russland, insbesondere die Festlegung der lange Zeit umstrittenen Seegrenze. Störes gutes Verhältnis zu Russland könnte Norwegen in Hinkunft auch eine wichtige Rolle in der Lösung arktischer Konflikte und Probleme bescheren.

Zehn Parteien im Plenum

In einer Hinsicht ist die Wahl vom Montag jedenfalls historisch: Noch nie waren im Stortinget zehn unterschiedliche Parteien vertreten. Dem norwegischen Wahlsystem ist es nämlich geschuldet, dass selbst Parteien, die unterhalb der Vier-Prozent-Hürde landen, dank ihrer Direktmandate ins Parlament einziehen. Neben den abgestürzten Traditionsparteien Venstre (liberal) und Christliche Volkspartei sind das die Grüne Umweltpartei, die linksorientierten "Roten" und - als Kuriosum - die Protestpartei "Pasientfokus", die sich gegen das Abspecken des Gesundheitssystems vor allem in der nördlichen Finnmark einsetzt.(apa)