"Wenn wir hierbleiben und sterben - werdet ihr euch um unsere Leichen kümmern?" Es ist der letzte Satz des Appells von Masoud, den die Stiftung Ocalenie (Errettung), eine polnische Hilfsorganisation, veröffentlicht hat. Der Mann ist Teil einer Gruppe von Afghanen, die seit Wochen an der polnisch-weißrussischen Grenze feststecken. An die 30 Menschen harren dort aus; polnische Grenzschützer hindern sie am Weiterkommen, belarussische am Zurückgehen. Hilfsorganisationen und Medien haben keinen Zugang zu ihnen, denn Polen hat für das Gebiet den Ausnahmezustand verhängt. Hunderte Soldaten wurden dorthin gesandt, Stacheldraht zur Befestigung wurde ausgerollt.

Es gelte, die EU-Außengrenzen zu sichern, ist die Argumentation der nationalkonservativen Regierung in Warschau. Diese beschuldigt das Nachbarland, Flüchtlinge aus Krisenregionen in organisierter Form an die Grenze zu bringen. Der weißrussische Machthaber Alexander Lukaschenko hatte Ende Mai angekündigt, dass sein Land Migranten nicht mehr an der Weiterreise in die Europäische Union hindern werde - als Reaktion auf verschärfte westliche Sanktionen gegen die ehemalige Sowjetrepublik. Zunächst hat dies Litauen zu spüren bekommen, später auch Polen. Hunderte Versuche, die Grenze illegal zu überschreiten, melden die polnischen Beamten fast täglich.

Nach ihren Angaben seien im August beinahe tausend illegal eingereiste Migranten festgehalten worden. Ein Jahr zuvor habe es in dem Monat nicht einen Übertrittsversuch gegeben.

Doch das Grüppchen, das bei der Ortschaft Usnarz Gorny im Nordosten Polens feststeckt, kann nicht weiter. Ihre Bitten, irgendwo im Landesinneren untergebracht zu werden, wo dann über ihr weiteres Schicksal entschieden wird, blieben bisher ungehört. Ihre Zelte seien durchnässt, das Essen sei knapp, die Menschen seien in denkbar schlechtem Zustand, hätten Kopf- oder Bauchschmerzen und kaum noch Kraft, sich zu bewegen. Das berichtete Masoud der Stiftung Ocalenie.

Flehen um Hilfe

Die Hilfsorganisation hält seit Anfang des Monats telefonisch Kontakt zu den Menschen. Bisher habe sie dies aber geheim gehalten, um die Migranten nicht zu gefährden, erklärte sie in einer Stellungnahme am Dienstag. Die letzten Nachrichten seien jedoch so dramatisch, dass diese publik gemacht werden mussten.

Auf einer Aufnahme ist Gul zu hören. "Wir sitzen zwischen dem Stacheldraht Polens und Weißrusslands", sagt sie. In ihrem Flehen um Hilfe stockt sie immer wieder, erstickt ihre Tränen.

Die Menschen bitten darum, sie nicht sterben zu lassen. Denn Tote hat es an der Grenze in den vergangenen Tagen bereits mehrere gegeben. Zu Wochenbeginn bestätigte der polnische Grenzschutz den Fund von drei Leichen; zwei der Menschen sind wahrscheinlich erfroren. Kurze Zeit später meldeten die belarussischen Behörden, eine tote Frau sei gefunden worden. Die Weißrussen beschuldigen die Polen, aufgegriffene Migranten über die Grenze zurückzuschicken und damit internationales Recht zu brechen. Die Polen weisen dies von sich.

Präsident: Polen weicht nicht

Am Wochenende wurden aber auch acht Menschen gerettet, teilten die polnischen Beamten mit. In einer mehrstündigen Aktion wurden fünf Männer und drei Frauen aus einem Sumpf befreit.

In New York stellte Polens Präsident Andrzej Duda bei der laufenden UN-Generalversammlung Weißrussland an den Pranger: Minsk instrumentalisiere die Migranten. Unterstützung sagte Duda diesen freilich nicht zu. Stattdessen meinte er: Polen werde in dieser Krise nicht weichen.