Personalisierung ist ein seit Jahrzehnten bestehender weltweiter Trend in der Politik und ihrer Berichterstattung. Deutschland bildet da keine Ausnahme. Lange Zeit profitierten die Konservativen vom Merkel-Bonus. Wegen der Kanzlerin machten viele Wähler bei der Union ihr Kreuz. Bis heute ist kein Politiker in der Bundesrepublik bekannter und niemand beliebter: Mit Angela Merkels Arbeit sind knapp zwei Drittel der Bürger zufrieden, 98 Prozent der Wahlberechtigten ist der Name der Regierungschefin ein Begriff.

Doch tritt die 67-Jährige nicht bei der Bundestagswahl am Sonntag an. Unter ihrem Nachfolger als Spitzenkandidat, Armin Laschet, droht der Bonus zum Malus zu werden. Zwar kennen auch Laschet neun von zehn Wählern, aber nur 20 Prozent zeigen sich mit dessen Arbeit zufrieden - um 44 Prozentpunkte weniger als bei Merkel, ergab der ARD-Deutschlandtrend. Auch das ZDF-Politbarometer weist verheerende Werte für den CDU-Chef aus: "Was halten Sie von...?", fragen die Demoskopen. Niemand schneidet besser als Merkel, niemand schlechter als Laschet ab.

Die Union droht, mitgerissen zu werden. Erstmals seit 19 Jahren könnte sie von der Spitze verdrängt und die SPD stärkste Kraft werden. Sämtliche Meinungsforschungsinstitute sehen die Sozialdemokraten derzeit vorne, in einer Bandbreite von 25 bis 27 Prozent. CDU und CSU liegen zwischen 21 und 25 Prozent.


"Dennoch ist das Rennen offen", sagt Frank Brettschneider. Die Fehlerbandbreite bei Umfragen liege bei plus oder minus zwei Prozentpunkten. Auch sei jeder fünfte Wähler noch unentschlossen, führt der Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim in Stuttgart ins Treffen. Gerade Personen, die mit der Union sympathisieren, aber mit Laschet fremdeln, könnten sich noch umentscheiden oder überhaupt zur Wahl gehen.

Auf die Aktivierung dieser Anhänger zielt die Union, indem sie vor einer rot-grünen Regierung unter Beteiligung der Linkspartei warnt. Für viele Konservative ist die Nachfolgerin der DDR-Einheitspartei SED ein rotes Tuch. Zwar konnte sich die Union in den vergangenen beiden Wochen dadurch stabilisieren, mehr aber nicht. Brettschneider schließt dennoch nicht aus, dass dieser letzte Trumpf sticht: "Eine Umfrage ist unverbindlich, im Gegensatz zum Kreuz, das ich bei der Wahl mache."

Weder Mitläufer- noch Mitleidseffekt

Und an Umfragen mangelt es nicht, mittlerweile werden fast im Tagesrhythmus neue Daten publiziert. Prinzipiell gilt: Sie bilden Stimmungen zum jeweiligen Zeitpunkt ab, sind aber keine Prognosen. Über die Wirkung von Umfragen berichtet Wahlforscher Brettscheider Erstaunliches: Diese beeinflussen die Wahlbeteiligung nur hinsichtlich eines Mobilisierungseffekts. Weder ist nachweisbar, dass Anhänger des vermeintlichen Wahlverlierers der Urne fernbleiben, noch dass jene des vermeintlichen Siegers daheim bleiben, weil die Stimme scheinbar nicht benötigt wird. Auch ein scheinbar feststehender Wahlausgang sorgt nicht für geringere Wahlbeteiligung. Hinsichtlich der Stimmabgabe gibt es weder Mitläufer- noch Mitleidseffekt, der einer Partei Stimmen bringen könnte. Die weitläufige Meinung, Umfragen spüren nicht nur Stimmungen auf, sondern verstärken auch diese, ist somit empirisch nicht haltbar, betont der Kommunikationswissenschafter. "Auch viele Journalisten sitzen diesem Irrtum auf. Bei einer Befragung von Mitgliedern der Bundespressekonferenz 2017 meinte rund ein Drittel, der Mitläufereffekt existiere."

Damit ist auch die These widerlegt, wonach die ständige Veröffentlichung von Umfragen, welche die SPD in Führung sehen, ihren Spitzenkandidaten Olaf Scholz zum Sieg treiben und womöglich ins Kanzleramt führen. Der 63-Jährige profitiert maßgeblich von den Fehlern der anderen Spitzenkandidaten. Die Grüne Annalena Baerbock stolperte über nicht gemeldete Nebeneinkünfte, einen aufgehübschten Lebenslauf und Plagiate in ihrem Buch. Laschet wurde sein Grinsen am Ort der Flutkatastrophe im Juli zum Verhängnis. Der Rheinländer wurde zum Karnevalsmenschen abgestempelt, dem die nötige Ernsthaftigkeit für das Kanzleramt fehlt und der in der Krise nicht den richtigen Ton trifft. Ganz anders Merkel. Sie durchschritt eine Stätte der Verwüstung Hand in Hand mit Malu Dreyer und stützte die an Multipler Sklerose leidende Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz.

Kanzlerin Angela Merkel stützt im Flutgebiet die an Multipler Sklerose erkrankte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. 
- © afp / Christof Stache

Kanzlerin Angela Merkel stützt im Flutgebiet die an Multipler Sklerose erkrankte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer.

- © afp / Christof Stache

"Es gibt eine Grundregel in der Politik: erst das Land, dann die Partei, dann der Kandidat. Dagegen verstießen sowohl Baerbock als auch Laschet. Das merkten die Wähler, sie verfügen über ein feines Gespür", analysiert Frank Brettschneider. Scholz hingegen betont bei jeder Gelegenheit, dass er dem Land dienen möchte - ganz im Stile Merkels. Als deren einzig legitimer Nachfolger präsentiert sich der Hanseat und zieht so die über Jahre dahinsiechende SPD nach oben.

Zuletzt weit danebengelegen

Ob es für den Sieg reicht, wird sich erst am Sonntagabend weisen. Dann zeigt sich auch, ob und wie weit die Demoskopen mit den Umfragen vom Resultat entfernt sind. Keine Überraschung erwartet Brettschneider durch die vielen Briefwahlstimmen - bis zu 50 Prozent. In den Umfragen seien diese inkludiert. Bei der Bundestagswahl 2017 stand der Sieg der Union stets außer Zweifel. 32,9 Prozent bedeuteten aber weniger als jene 34 bis 36 Prozent, die vier Institute zwei Tage vor der Wahl ausgewiesen hatten. Noch wesentlich weiter entfernt lagen Umfrage und Ergebnis bei der letzten Landtagswahl vor der Bundestagswahl auseinander, im Juni in Sachsen-Anhalt: Maximal 30 Prozent wurden für die regierende CDU ausgewiesen, die Partei landete aber bei 37,1 Prozent.

An eine Wahl, bei der die führende Partei laut Umfragen doch nicht siegte, kann sich Frank Brettschneider nicht erinnern. Das spräche doch für die Sozialdemokraten - aber der Wahlforscher winkt ab: "Diesmal sind die Bedingungen anders, die Diskrepanz zwischen Spitzenkandidat und Partei ist bei SPD, Union und Grünen sehr groß." Es heißt warten bis zum Schluss.