Berlin. Als Mann mit vielen Emotionen lässt sich Olaf Scholz nicht beschreiben. Der frühere Hamburger Bürgermeister hat sich stets im Griff, seine Auftitte sind meist sachlich, mitunter schon monoton. Doch als der SPD-Kanzlerkandidat am Sonntagabend im Willy-Brandt-Haus begleitet von seiner Frau Britta Ernst auf die Bühne tritt, strahlt der 63-Jährige. Beifallrufe branden auf, Scholz winkt den jubelnden Anhängern zu. Die beiden Parteivorsitzenden Norbert-Walter Borjans und Saskia Esken halten links und rechts Abstand und klatschen. Das Bild macht deutlich, wer das Machtzentrum bildet.

SPD gewinnt Nichtwähler

Noch vor zwei Monaten hätten viele dies nicht für möglich gehalten. Die SPD stand in den Umfragen bei 15 bis 16 Prozent, schien abgeschlagen und einbetoniert auf Platz drei hinter Union und den Grünen. Doch nun gehen die Sozialdemokraten das vierte Mal in der Nachkriegsgeschichte vor CDU und CSU ins Ziel. Scholz, der auch von den Fehlern seiner Kontrahenten Annalena Baerbock und Armin Laschet profitierte, kann mit mehr als 25 Prozent der Wählerstimmen den Regierungsauftrag beanspruchen.

Dabei sind es weit mehr als rote Stammwähler, die für ihn und seine Partei gestimmt haben. Laut Wählerstromanalyse wanderten knapp zwei Millionen Wähler von der Union zur SPD, über eineinhalb Millionen Stimmen kamen zudem aus dem Lager der Nichtwähler. Für die Partei entschieden sich darüber hinaus auch knapp 2,5 Millionen Personen, die voriges Mal noch Grüne, Linke, FDP oder AfD gewählt hatten. Die Grünen bleiben zwar die Partei der jungen Menschen, diese Stellung konnte die SPD ihnen nicht streitig machen.

Wieder Arbeiterpartei

Doch die Wahlergebnisse zeigen, dass die SPD dafür in der Gruppe der Älteren am meisten gewonnen hat: 35 Prozent der über 60-Jährigen wählten die Sozialdemokraten, 11 Prozent mehr als bei der letzten Bundestagswahl. In dieser Gruppe war die Union bisher immer erfolgreicher gewesen. Generell erreicht die SPD umso mehr Wähler, je älter diese sind. Auch bei den Wählerinnen hat die SPD dazugewonnen. Mit 27 Prozent wurde die Partei am meisten von Frauen gewählt, vor vier Jahren hatte diese Position noch die Union inne. Bei den Männern liegt die Partei nun ebenfalls knapp vor der CDU/CSU. Die SPD gewann zudem stark bei Personen mit Mittelschulabschluss, mittlerer Reife und Abitur.

Was für die Partei womöglich am bedeutendsten ist: Mit der Wahl erlangt die SPD ihren Ruf als Arbeiterpartei zurück. Mit 29 Prozent sind die Sozialdemokraten in dieser Gruppe stärkste Kraft. Im Vergleich zur letzten Bundestagswahl ein deutlicher Zugewinn, hier waren es noch 23 Prozent gewesen.

In geografischer Hinsicht verbuchte die SPD vor allem im Osten starke Zugewinne. In Sachsen-Anhalt stimmten 25 Prozent der Wähler für die Sozialdemokraten, damit lagen sie deutlich vor CDU und AfD. In Mecklenburg-Vorpommern erzielte die SPD knapp 29 Prozent der Stimmen und löste damit die CDU als stärkste Partei ab. In Sachsen und Thüringen war die SPD nach der AfD die zweistärkste Partei.