In der französischen Medienlandschaft ist Eric Zemmour längst kein Unbekannter mehr. Als Gastgeber der Sendung "Face à l’info" liebte er es, zu polariseren und zu provozieren. Wird Zemmour, der in den vergangenen Jahren mehrere Bestseller geschrieben hat, im Fernsehen als Polemiker vorgestellt, kann er sich ein Schmunzeln als Geste der Anerkennung zumeist nicht verkneifen. Das Thema ist dabei oft ein und dasselbe: Der 63-Jährige sieht die Migrationsbewegungen der Vergangenheit als Grundstein für den Untergang der Grande Nation an. "Le Suicide français" - also "Der Selbstmord Frankreichs" - heißt auch sein 2014 verfasstes Buch, in dem er seine weit rechts liegenden und antimuslimischen Kernbotschaften darlegt.

Zemmour, der sich mit seinen radikalen Ansichten eine überaus treue Anhängerschaft gesichert hat, könnte allerdings schon bald mehr sein als ein für hohe Quoten und gute Verkaufszahlen sorgendes Medienphänomen. So halten es viele politische Beobachter in Frankreich für nicht ausgeschlossen, dass der umstrittene Publizist bei den Präsidentschaftswahlen im April 2022 antritt und sich ein beträchtliches Stück vom Wählerkuchen abschneidet.

Le Pen stürzt in Umfragen ab

Seine Positionen argumentiert der Sohn einer jüdischen Familie, der während des Algerienkriegs nach Frankreich kam, vor allem mit seiner eigenen Geschichte. Er habe sich in seiner neuen Heimat assimiliert, betont Zemmour immer wieder und fordert das nun auch von den in Frankreich lebenden Muslimen. Kopftuch und Djellaba seien ein Zeichen der "Kolonisation des Staatsgebiets". Der Islam dürfe in Frankreich zwar vorkommen, müsse aber französisiert werden. Zemmour geht sogar so weit, dass er europäische Vornamen für die Kinder von Muslimen fordert.

Was am rechten Rand populär ist, sieht die Justiz nicht so gern. Ein Pariser Gericht verurteilte Zemmour zwei Mal wegen Rassendiskriminierung und einmal wegen Religionshasses. Und auch eine politische Mitbewerberin um die Präsidentschaft, die Vorsitzende des Rassemblement National (vormals Front National, FN), Marine Le Pen, zeigt sich über die Popularität von Eric Zemmour wenig begeistert.

Beide fischen nämlich im gleichen Wählerteich. In Umfragen stürzte Le Pen von 26 Prozent der Stimmen im Sommer auf nunmehr 18 Prozent ab, während der seit September abgefragte Zemmour bei 15 Prozent hält. Die neueste Umfrage von Harris Interactive im Auftrag des Magazins "Challenges" sieht Zemmour sogar bereits in der Stichwahl mit Amtsinhaber Emmanuel Macron.

Wie ideologisch nahe sich RN und Zemmour sind, brachte der seit längerem ausgeschlossene Mitbegründer des FN und Vater von Marine Le Pen, Jean-Marie Le Pen, auf den Punkt: "Der einzige Unterschied zwischen Eric und mir ist, dass er Jude ist." Marine Le Pen reagiert auf die neue Herausforderung zum einen mit Zweckoptimismus und verweist auf ihre politische Erfahrung. Zum anderen fordert sie bereits, dass sich der Publizist offiziell als Kandidat deklarieren solle, und hofft auf die Abschwächung des Phänomens Zemmour, der ihr mit seinem Fokus auf das rechtspopulistische Haus- und Hofthema Einwanderung rund ein Drittel der Wählerschaft wegnimmt.

Macrons Strategie wackelt

Neben Le Pen könnte Zemmour aber auch Staatschef Macron gefährlich werden. Der Präsident konnte sich bisher noch zu keiner konsistenten Taktik gegen Zemmour durchringen. Einmal äußert er sich zu den Kontroversen des Essayisten, ein anderes Mal ignoriert er sie. Das Phänomen Zemmour kann er, wie viele politische Beobachter, offenbar nur vage einschätzen.

Jedenfalls hat Macron seine Wahlkampfstrategie auf ein Aufeinandertreffen mit Marine Le Pen zugeschnitten. Da nun aber mit Zemmour ein möglicher neuer Kandidat auf dem Plan steht, wird Macron möglicherweise umdisponieren müssen. Denn wenn Le Pen dermaßen ausgebremst wird und auch Zemmour hinter ihr bleibt, dann dürfte sich Macron mit einem stärkeren Kandidaten der konservativen Republikaner, wie Xavier Bertrand, oder der Sozialisten, wie der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo, konfrontiert sehen. Die Stichwahl wäre für Macron dann insofern herausfordernder, als die ideologischen Grenzen zu diesen Kandidaten geringer sind als zu Le Pen.