Am Ende versucht es Johannes Winkel noch einmal versöhnlich. "Wir gehen mit den gleichen Schuhen in die gleiche Richtung", meint der Vorsitzende der Jungen Union (JU) Nordrhein-Westfalens, als sich die Generalsekretäre von CDU und CSU am Samstagabend in der Münsterlandhalle an den Rand der Bühne setzen und die gleichen weißen Sneaker mit Deutschland-Farben anziehen. Das sei doch immerhin ein schönes Symbol, sagt er zu Paul Ziemiak und Markus Blume - man marschiere nun wieder in dieselbe Richtung. Dabei war gerade Winkel zuvor der Kragen geplatzt. Auf dem Deutschlandtag der gemeinsamen Jugendorganisation von CDU und CSU in München liegen erkennbar die Nerven blank.

Seit Freitagabend versucht die JU in teilweise hitzigen Debatten zu verarbeiten, dass die Kanzlerinnenpartei jetzt in die Opposition abstürzt - in der für die Jugendorganisation typischen Offenheit. Es sei "eine absolute Frechheit", dass die Generalsekretäre im Wahlkampf nicht dafür gesorgt hätten, dass die Union - anders als die SPD - nicht geeint gewesen seien, empört sich Winkel. Und der frühere Liebling der JU, Friedrich Merz, verstärkte die Depressionen des Parteiennachwuchses noch, als er feststellte: "Die Union ist mit diesem Wahlergebnis ein insolvenzgefährdeter schwerer politischer Sanierungsfall geworden."

Den ganzen Samstag lang gleicht der Deutschlandtag deshalb einer Gruppentherapie-Sitzung. Am Vormittag nimmt CDU-Chef Armin Laschet sofort die gesamte Schuld auf sich und sorgt für große Emotionen: Eine Stunde lang übt sich der Verlierer der Bundestagswahl in Selbstkritik, teilt aber auch Kritik Richtung der CDU-Spitzen und nach München aus. Das bringt ihm zwar stehende Ovationen und den immer wieder erklärten Respekt des Nachwuchses ein. Aber deutlicher als zuvor überbringt Laschet eben auch die schlechte Nachricht - nach 16 Jahren Kanzlerschaft ist ab jetzt im Bund Opposition angesagt. Von einer "brutalen Offenheit und Klarheit" Laschets spricht danach Gesundheitsminister Jens Spahn.

Keine Zeit für Depressionen

Gerade deshalb versuchen sich alle Parteigranden auch in einer Therapeutenrolle, um den geknickten Parteiennachwuchs wieder aufzurichten. "Die CDU ist nicht am Ende", hämmern Laschet, Spahn, der Chef der Seniorenunion, Otto Wulff, und der designierte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst den Delegierten immer wieder ein. Der Grund: Bereits 2022 stehen Landtagswahlen im Saarland, in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen an, bei denen CDU-Ministerpräsidenten ihre Ämter verteidigen müssen. Da kann sich die CDU keine Depressionen leisten.

Aber in Münster wird auch deutlich, wie schwer die Therapie fällt. Denn in der CDU und zwischen den Schwesterparteien passiert jetzt alles gleichzeitig: die Aufarbeitung, die Abrechnung, die vor allem die beiden Generalsekretäre trifft - und die nötige schnelle inhaltliche und personelle Neuaufstellung. Dazu kommt in Münster überall eine spürbare Missstimmung zwischen CDU und CSU. Die einen sind sauer über die Entscheidung für Laschet als Unionskanzlerkandidaten, die anderen werfen Söder und Blume vor, die Niederlage der Union mit ihren permanenten Sticheleien gegen Laschet besiegelt zu haben. Immer wenn Blume redet, bekommt er nur Applaus des bayerischen Landesverbandes. Als er auf die Frage nach der Abwesenheit des CSU-Chefs Markus Söder dann noch etwas patzig sagt: "Er war letzte Woche bei seiner Jungen Union – der in Bayern", zischt und buht es im größten Landesverband NRW. Seine Appelle, dass CDU und CSU nur gemeinsam stark seien, verpuffen.

Bewerbung für Parteivorsitz

Dazu kommt, dass Spahn seine eigene Rede auch als Art Bewerbung für den Parteivorsitz angelegt hat - obwohl er ständig die nötige Team-Arbeit betont. Norbert Röttgen, ein zweiter potenzieller Kandidat auf die Laschet-Nachfolge, sitzt unterdessen im Block der NRW-Delegierten und redet gar nicht, wird aber interessiert beäugt. Der Chef der Mittelstandsvereinigung, Carsten Linnemann, wiederum wird von der JU hochgejubelt. "Wir haben noch viel mit dir vor", verabschiedet ihn JU-Chef Tilman Kuban - der wiederum dem 65-Jährigen Merz in einem Interview nur noch eine Beraterrolle zuweist. Auch die personelle Zerrissenheit wird deutlich, als dann die Vorsitzende der Unionsfrauengruppe in der Bundestagsfraktion, Yvonne Magwaz, noch eine Doppelspitze fordert.

Da passt es, dass ausgerechnet der Vorsitzende der Jungen Liberalen, Jens Teutrine, am Abend eines der Grußworte hält - und betont, dass ihn die diffuse Lage bei der Union doch sehr an die Lage der FDP vor wenigen Jahren erinnere. Damit will er den JUlern gerade aus NRW eigentlich Mut machen, mit denen er gut befreundet ist. Aber als Teutrine dann gut gelaunt hinzufügt, dass sich die Julis in einigen Punkten der Ampel-Sondierungen durchgesetzt hätten, reißt er die schmerzende Wunde der Wahlniederlage der Union nur weiter auf. Denn nun kann die FDP-Jugend bei Positionierungen für eine Regierung mitreden - und die JU schaut nur noch zu. (reu)