Als Juan Mari Jauregui am 29. Juli 2000 sein Stammrestaurant in der nordspanischen Kleinstadt Tolosa im Baskenland betrat, warteten seine Mörder bereits auf ihn. Sie wussten, dass der sozialistische Politiker an dem Tag nur mit einem Freund und ohne Leibwächter essen würde. Denn der Vater einer damals 19-jährigen Tochter wollte sich schon aus der Politik zurückziehen, verzichtete deshalb auf seinen Personenschutz. Das nutzten die bis vor wenigen Jahren noch für die Unabhängigkeit des nordspanischen Baskenlandes kämpfenden Terroristen der Untergrundorganisation ETA. Einer der beiden Täter zog seine Pistole und schoss Jauregui von hinten in den Nacken.

Dieser war nur einer von vielen Politikern, Polizisten, Journalisten und Unternehmern, die von der Terrorbande ermordet wurden. Mehr als 850 Menschen in fast 40 Jahren fielen den Aktionen der ETA zum Opfer, die vor genau zehn Jahren, am 20. Oktober 2011, ihren "bewaffneten Kampf" endgültig für beendet erklärte.

Maixabel Lasa stimmte einem Treffen mit den Mördern ihres Mannes zu. - © Manuel Meyer
Maixabel Lasa stimmte einem Treffen mit den Mördern ihres Mannes zu. - © Manuel Meyer

Der "Fall Jauregui" sollte aber eine besondere Bedeutung erhalten - und zwar für den jetzigen Friedensprozess. Denn die Witwe des Politikers, Maixabel Lasa, tat etwas, wozu die wenigsten Hinterbliebenen von ETA-Opfern bereit oder überhaupt fähig waren. Sie traf sich Jahre später mit den Mördern ihres Mannes, die schon bald nach der Tat verhaftet und ins Gefängnis gekommen waren.

Opfer und Täter im Gespräch

Es waren die Terroristen, die um das Treffen gebeten hatten. Sie hatten sich mit ihrer Mitgliedschaft in der ETA schon lange kritisch auseinandergesetzt und wollten den von ihnen angerichteten Schaden, soweit es ging, wieder gutmachen. "Der Schritt war nicht leicht für mich. Ich wollte aber das Warum wissen. Wollte wissen, wie sich die Mörder fühlten, was sie über meinen Mann überhaupt wussten. Die Entschuldigung war für mich eher zweitrangig", erklärt Maixabel Lasa.

Drei Stunden sprach sie im Gefängnis mit Luis Carrasco, einem der Mörder. "Er war ein gebrochener Mann. Er zeigte mir, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, wer Juan Mari überhaupt war. Die Täter bekamen das Ziel mitgeteilt - das war’s. Und wer schießt, wurde ausgelost", erinnert sich Lasa. Später traf sie sich mehrmals mit Ibon Etxezarreta, dem zweiten ETA-Kommandomitglied, auf dessen Freigängen.

Schließlich nahm sie ihn sogar ohne Ankündigung mit zur jährlichen Gedenkfeier für ihren Mann. Etxezarreta bat um die Möglichkeit, sein Opfer und Maixabel vor den Augen aller mit einer Kranzniederlegung symbolisch um Verzeihung bitten zu können.

Kein Verständnis

"Viele meiner Freunde und Hinterbliebene anderer ETA-Opfer hatten kein Verständnis für mein Verhalten. Doch mir half es", erzählt Maixabel. Sie glaubt an die "heilende Wirkung des Zuhörens und miteinander Sprechens". Später bewegte sie auch andere Opfer, am Gefängnisprojekt teilzunehmen, das Reue suchende Etarras die Möglichkeit gab, sich den Hinterbliebenen zumindest zu erklären.

"Menschen wie Maixabel haben wichtige Impulse für den Friedensprozess gesetzt. Ihnen ist es zu verdanken, dass langsam eine Debatte über die Zeit des Terrorismus im Baskenland beginnt", versichert Felix Arrieta von der Deusto-Universität in San Sebastian. Die baskische Gesellschaft habe in den vergangenen zehn Jahren wichtige Schritte in Richtung Versöhnung gemacht, obwohl die Gräben, die die ETA in der Gesellschaft hinterlassen hat, immer noch sehr tief seien, erklärt der Politologe.

"Anerkennung aller Opfer"

"Damit die baskische Gesellschaft ihren Frieden findet, bedarf es der Anerkennung aller Opfer", stellt Maixabel Lasa jedoch klar. Darunter versteht sie auch die Opfer der staatlichen Gewalt, Familien inhaftierter Terroristen der ETA.

Anzuerkennen, dass es auch diese Gewalt gegenüber dem separatistischen Milieu gab, ist für Ainara Esteran die Basis für einen gelungenen Friedensprozess. Die Sprecherin des Verbands von Gewaltopfern Egiari Zor spricht von Hunderten Opfern, die die Polizei verschleppt, gefoltert oder sogar ermordet hatte, ohne dass die große Mehrheit der Fälle aufgeklärt wurde. Sie selbst sei beim Polizeiverhör gefoltert worden, bevor sie 2000 für neuneinhalb Jahre im südspanischen Alicante wegen ihrer ETA-Mitgliedschaft ins Gefängnis kam. Sie hatte unter anderem die Entführung eines Unternehmers vorbereitet.

"Mittlerweile hat die baskische Regionalregierung aber die Opfer politisch motivierter Polizeigewalt offiziell anerkannt. Das bedeutet nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine moralische Wiedergutmachung für viele Menschen", betont Esteran.

Zerbrochene Familien

Entgegen der Gesetzgebung und üblichen Regeln wurden die ETA-Terroristen zudem untereinander isoliert weit entfernt vom Baskenland in Haftanstalten untergebracht. Selbst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte ermahnte Spanien, für ETA-Terroristen dieselben Maßstäbe und Haftbedingungen anzuwenden wie für andere Insassen. Mittlerweile hat die spanische Regierung viele ETA-Häftlinge in baskische oder ans Baskenland angrenzende Gefängnisse überführt. Von den aktuell 198 Insassen befänden sich aber immer noch 104 außerhalb des Baskenlandes, sagt Patricia Velez, Sprecherin vom Verband der Familien inhaftierter ETA-Terroristen (Etxerat).

"Viele von uns Familienangehörigen wussten nicht einmal, dass unsere Nächsten der ETA angehörten. Doch danach wurden auch wir stigmatisiert, mussten in 800 Kilometer entfernte Gefängnisse fahren, haben uns teils finanziell ruiniert. Daran sind ganze Familie zerbrochen, wie die meine", berichtet Velez.

Die baskische Regionalregierung der gemäßigten Nationalisten (PNV) hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2024 einen Plan umzusetzen, der nicht nur Opfern beider Seiten hilft, sondern auch sämtliche Menschenrechtsverletzungen im Zuge des Basken-Konflikts untersuchen und das friedliche Zusammenleben und den Dialog fördern soll. Doch viele wollen die blutige Vergangenheit möglichst schnell vergessen. "Das ist gefährlich, denn wenn wir vergessen, was geschehen ist, kann sich die Geschichte wiederholen", versichert Maixabel Lasa. Dabei ist die ETA im Baskenland auch zehn Jahre nach dem Ende der bewaffneten Gewalt längst noch nicht Geschichte.