Berlin. Alle Verfassungsaufgaben von Männern geführt, vom Bundespräsidenten über Kanzler, Bundestags- und Bundesratspräsidenten bis hin zum Präsidenten des Verfassungsgerichts: Diese Aussicht schmeckte einigen in der SPD nicht, wirbt die Partei doch in ihrem Wahlprogramm für Parität und ein Jahrzehnt der Gleichstellung. Also musste der als Favorit geltende Fraktionschef Rolf Mützenich seine Ambitionen aufgeben, eilig wurde nach einer Frau für die Spitze des Bundestages gesucht. Und am Mittwoch mit Bärbel Bas präsentiert.

Der geschäftsführende Fraktionsvorstand stimmte einstimmig für die 53-jährige Gesundheitspolitikerin. Erwartet wird, dass auch die nötige Bestätigung der Fraktion ohne größere Probleme über die Bühne geht. Dann könnte Bas am kommenden Dienstag bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags als Nachfolgerin von Wolfgang Schäuble (CDU) gewählt werden. Als stimmenstärkster Partei bei der Bundestagswahl im September steht nun den Sozialdemokraten das Amt zu.

Bisher ist Bas stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, zuständig für Gesundheit, Bildung und Forschung. 2019 löste sie den Gesundheitsexperten Karl Lauterbach in dem Amt ab, als dieser für den Parteivorsitz kandidierte. Aus seinem Schatten schaffte es Bas jedoch nicht. Insbesondere während der Corona-Krise profilierte sich der Mediziner. Lauterbachs Plädoyer für strikte Corona-Maßnahmen fand auch bei Kanzlerin Angela Merkel Gehör.

Erst dritte Frau

Auch Bas warb wiederholt für konsequente Regeln. Ihr Direktmandat im Wahlkreis Duisburg I verteidigte Bas souverän. Mit 40,35 Prozent holte sie fast doppelt so viele Stimmen wie ihr Konkurrent von der CDU.

Wird Bas gewählt, steht erst zum dritten Mal seit 1949 eine Frau an der Spitze des Bundestages. 1972 bis 1976 amtierte Annemarie Renger (SPD), 1988 bis 1998 Rita Süssmuth (CDU).

Mit Bas’ Wahl erhöhen sich auch die Chancen auf eine weitere Amtszeit ab 2022 für Frank-Walter Steinmeier. Der Bundespräsident wird bereits jetzt von der SPD, der konservativen Union und der FDP unterstützt. Die Wahl erfolgt durch das Parlament. Die Frauen-Karte, welche die Grünen zücken wollen, zieht nun weniger.(apa/red.)