Wien. "Ich glaube weiter an das Gute im Menschen, auch wenn ich in meinem Leben oft die schlimmsten Erniedrigungen erlebt habe", sagt Stanislaw Zalewski zur "Wiener Zeitung". Der heute 96-Jährige hat 545 Tage in KZ-Lagern des NS-Regimes verbracht und viele Gräueltaten er- und überlebt.

Als 14-jähriger Schüler hatte er im Zweiten Weltkrieg im besetzten Warschau patriotische Durchhalte-Parolen auf Hauswände gemalt und an anderen Aktionen einer Widerstandsgruppe mitgewirkt, ehe ihn deutsche Gendarmen zusammen mit einem Freund verhafteten und ins Gestapo-Gefängnis einlieferten. Kurz darauf wurde er mit anderen Mitgliedern aus dem katholisch geprägten Widerstandsmilieu nach Auschwitz transportiert.

Er ist Vorsitzender der Polnischen Vereinigung der ehemaligen Häftlinge der politischen NS-Gefängnisse und Konzentrationslager. Als junger und kräftiger Bursch wurde er als Zwangsarbeiter für die deutsche Rüstungsindustrie ausgewählt. Im Viehwaggon wurde er ins KZ Gusen nach Oberösterreich transportiert.

Dort musste er täglich in Stollenanlagen an der Produktion von Flugzeugteilen für die Messerschmitt-Kampfbomber mitwirken. Zehn Stunden Schwerarbeit pro Tag in schlecht belüfteten Stollen und mangelhafte Verpflegung führten dazu, dass beim Abendappell immer wieder Kollegen fehlten - viele von ihnen landeten in der Krankenabteilung oder wurden von SS-Aufsehern oder "Kapos" zu Tode geprügelt.

Peiniger verschwand

Als er Schmerzen von offenen Wunden an den Beinen nicht mehr ertrug, ging auch er in die Baracke für Kranke, von der es hieß, dass sie für viele die letzte Station bedeutete. Der dortige Aufseher war auch Pole. Beide stammten aus dem gleichen Bezirk Warschaus. Wegen dieser Vertrautheit wurde Zalewski besser behandelt, bekam ein Bett in der Nähe des Ofens und auch größere Portionen Essen. Aber in der Nacht musste er mit ansehen, wie der Aufseher andere Patienten grundlos zu Tode prügelte. "Ich stellte mich schlafend, bekam aber alles mit", so Zalewski. Ich meldete mich, sobald meine Wunden etwas verheilt waren, wieder gesund und in meine Baracke zurück." Nach dem Ende des Krieges spielte Zalewski in Warschau bei einer Handballmannschaft. Bei einem Turnier erkannte er plötzlich den Aufseher aus der Krankenbaracke wieder. Vor Schreck überlegte er, was nun zu tun sei. Der Gewissenskonflikt schien unüberbrückbar. "Eigentlich hat er ja mein Leben gerettet, aber musste ich diesem Peiniger, der viele Landsleute grundlos umbrachte, deshalb dankbar sein?"

Als er sich für eine Anzeige entschied, war der Mann verschwunden. Nachfragen ergaben kein Ergebnis. Niemand kannte den Schergen. "Jeder Krieg lässt die Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmen", mahnt Zalewski. "Ein Menschenleben war damals nicht mehr wert als eine kleine Scheibe Brot."

Er hofft, die neue Gedenkstätte in Gusen noch besuchen zu können. "Dieses würdige Erinnern sind wir den zehntausenden Opfern, die dort gequält und getötet wurden, schuldig."